Alltagsbewegung

Sind wir alle von (Schlaf-)Kissen abhängig? Die Geschichte eines Entzugs.

Wenn jeder Moment unseres Alltags ein Trainingsreiz ist - dann gibt es etwas in unserem Leben, das im Grunde einem Kraftmehrkampf-Ultramarathon entspricht:

Unser Schlaf.

Ein Riesen-Trainingsvolumen: hohe Frequenz (täglich!, manchmal mehrfach am Tag), hohe Umfänge (irgendwo zwischen 6 und 10 Stunden pro Tag). Davon abgesehen versetzt uns der Schlaf in ein besonders empfängliches zentralnervöses und hormonelles Aktivierungsprofil (think: Lern- und Regenerationsvorgänge), welches besonders sensibel auf Haltungs- und Bewegungsmuster reagiert. (Das wäre dann nochmal Stoff für einen separaten Blogpost.)

Die Frage ist jetzt: Was machen wir denn so in all dieser massiv-großen Schlafzeit? Welche Haltungen und Bewegungen trainieren wir?

Und das war genau die Frage, die ich mir Anfang letzten Jahres stellte - auch als Teil meines "Wohnzimmer-zu-Lebensraum"-Umbaus (über den ich vor Kurzem hier auf der Beyond Training Facebookseite geschrieben hatte).

Konkreter wurde daraus schließlich genau eine Frage: Warum schlief ich eigentlich auf einem Kissen? Und daraus, ebenfalls angeregt durch einen von Katy Bowmans Artikeln, eine Herausforderung: Ging es auch ohne, und mit welchen Konsequenzen?

Smartphone anschauen vs Schlafen. Die Darstellung/Analogie ist natürlich stark vereinfacht, da die Schwerkraft in beiden Fällen nach unten wirkt, und damit die Lastprofile und Krümmungen im Liegen anders sind als im Stehen. Trotzdem, in einem reduzierten biomechanischen Modell drückt das Kissen den Kopf-Nacken-Schulter/BWS-Komplex in ähnlicher Weise nach vorne wie die Handy-Interaktion. Was ich damit auch sagen will: Während wir uns um ersteres n ziemlichen Kopf machen, nehmen wir letzteres jede Nacht ohne Weiteres in Kauf. Kissen, anyone?

Smartphone anschauen vs Schlafen. Die Darstellung/Analogie ist natürlich stark vereinfacht, da die Schwerkraft in beiden Fällen nach unten wirkt, und damit die Lastprofile und Krümmungen im Liegen anders sind als im Stehen. Trotzdem, in einem reduzierten biomechanischen Modell drückt das Kissen den Kopf-Nacken-Schulter/BWS-Komplex in ähnlicher Weise nach vorne wie die Handy-Interaktion. Was ich damit auch sagen will: Während wir uns um ersteres n ziemlichen Kopf machen, nehmen wir letzteres jede Nacht ohne Weiteres in Kauf. Kissen, anyone?

Mir war schon eine ganze Zeitlang zuvor das Kissen ein wenig zu einem Dorn im Auge geworden. Zum Beispiel habe ich mich gefragt, warum die Vorwärts-Abweichung des Kopf-Nacken-Schulterkomplexes durch Smartphone-/Tablet-/Computer-Gebrauch schon seit Langem ein Hot Topic in der Welt der Orthpädie und Haltungskorrektur war - während wir nachts stundenlang mit einem nach vorne aufgepropften Kopf daliegen (zumindest bei Schlaf auf dem Rücken). Da ich außerdem sehr viel zwischen allen drei (Haupt-) Schlafpositionen (Rücken/Seite/Bauch) wechsele, war mein Kissen irgendwie immer überfordert. Insbesondere das Schlafen auf dem Rücken auf einem Kissen hinterließ irgendwie zunehmend Anspannung und Diskomfort.

Es ist übrigens, meiner Recherche nach, relativ unmöglich, eine wissenschaftlich gut begründete Position in diesem Thema einzunehmen. Es gibt meines Wissens keine sauberen Studien, die das Schlafen ohne Kissen untersuchen. Mit meiner Erfahrung des letzten Jahres kann ich auch annehmen: Es wäre schwierig eine solche Studie zu designen, da weder ein double-blind- noch ein crossover-design sinnvoll zu realisieren wären, oder höchstens über sehr lange Zeiträume (da die Anpassungsvorgänge mehrere Monate brauchen). Auch eine Modellierung ist nicht ganz ohne, da sie sehr stark von den Materialeigenschaften der Schlafunterlage abhängt, und diese sehr variieren kann. Aus biomechanischer Plausibiliät weist Katy Bowman (und die sehr wenigen anderen, die sich hier, hier oder z.B. hier editoriell mit dem Thema beschäftigt haben) darauf hin, dass das Kissen (ähnlich wie Schuhwerk) eine Art Orthese, in diesem Falle für den Hals-/Brustwirbel-Bereich, darstellt, und damit eigentlich der Dekompression der Wirbel- und umliegenden Strukturen und natürlichen Ausrichtung/WS-Krümmung im Wege steht (bzw liegt). Der Gebrauch des Kissens sei eine rein kulturelle Entwicklung, persönliche Präferenz und Gewöhnung; keine biomechanisch sinnvolle und erst recht nicht notwendige.

Klar - das wolle ich am eigenen Leib erfahren.

Mein erster ernstzunehmender Versuch, eine Nacht ohne Kissen zu verbringen, sagte mir im Nu eins: Ich war durch und durch dran gewöhnt, mit meinem Kopf-Nacken-Schulter-Bereich auf einer Erhöhung zu schlafen. Meine Schlafposition war davon geradezu abhängig, und ohne hatte ich erstmal das Gefühl, dass mein Kopf nach unten hing. Und mir Schmerzen bereitete. Von heute auf morgen würde es also definitiv nicht gehen. Es war interessanterweise nicht so sehr die geänderte Kopfposition, die das Liegen ohne Kissen beschwerlich machte - sondern der auf einmal stark erhöhte Druck auf den Kopf, an der Stelle, an der er auf der Matratze auflag.

Also doch Schritt für Schritt. In 10 Schritten:

1) Ich begann damit, dass ich ein flacheres Kissen nutzte.

2) Der nächste Schritt bestand darin, dass ich mein Kissen halbierte - d.h. von den in Deutschland üblichen 80cm x 80cm Kissen wechselte ich auf 40cm x 80cm und nochmal etwas flacher. Nach einigen weiteren Wochen/Monaten begann ich 3) - 9) mir über weitere Monate hinweg einfach irgendwas zunehmend weicheres und immer kleineres unter den Kopf zu legen (Schals, Tücher etc.), bis ich 10) auch das weglassen konnte.

Insgesamt dauerte dieser "Entzug" für mich etwa ein halbes Jahr.

Das Ergebnis: Sehr wohltuend. Ich finde das Schlafen ohne Kissen deutlich angenehmer als das Schlafen mit Kissen davor. Der Kopf fühlt sich jetzt stimmig zum Körper ausgerichtet an. Aber: es hat auch seine Zeit gebraucht. Während der ersten Monate hatte ich zwischenzeitlich Beschwerden im BWS-Bereich - bei denen ich nicht ausschließe, dass sie mit Anpassungsvorgängen durch die geänderte Schlafposition zusammenhingen. (Oder mit all den anderen neuen Sachen, die ich zur gleichen Zeit ausprobierte. Kausalitäten zu erkennen ist eine Kunst für sich.)

Einschränkung: Ich benutze das 40cm x 80cm Kissen immer wieder noch beim Schlafen in Seitlage. Manchmal auch nicht - hängt von der Tagesform ab.

Schlafen, wherever. (Photo Credits  Björn Láczay  " Toni am Feldkogel ", unter    CC BY-SA 2.0   )

Schlafen, wherever. (Photo Credits Björn Láczay "Toni am Feldkogel", unter CC BY-SA 2.0)

Insgesamt macht mich das kissenlose Schlafen flexibler, d.h. ich kann auf verschiedenen Unterlagen besser eine bequeme Liegeposition finden.

Und noch etwas. Ich finde es ist immer ein erhabendes Gefühl, wenn man wieder ein (Körper-)Gadget weniger im Leben braucht. Die Krücken wegschmeißen, sozusagen, oder die Stützräder abschrauben kann; und der Körper wieder in irgendeinem kleinen oder großen Aspekt zu seiner inherenten Stärke und Belastbarkeit gefunden hat.

Auch meinem Sohn (8 Jahre) habe ich weitgehend das Kissen entzogen. Ist euch, sofern ihr Eltern seid, schon mal aufgefallen, dass Babys ohne Kissen schlafen, und dass man irgendwann das Kissen dann einbaut oder die Kinder danach fragen, weil man selbst eins hat? Mein Sohn hat noch ein superkleines (ich glaube ca 30cm x 60cm o.ä.) sehr sehr wenig voluminöses, was aber mittlerweile eher Deko ist. Auch er schläft in allen drei Schlafpositionen wunderbar ohne Kissen.

Fazit: Ich bleibe Kissen-frei. Allerdings, sofern man sein Leben lang bisher auf Kissen geschlafen hat, braucht die Anpassung sehr viel Zeit und zunehmende Progressionen - wie bei jedem Training. Das nächste wird sein, meine Matraze zu überdenken - die mir in der neuen Schlafposition eher ein wenig zu weich geworden ist.

Fazit II: Bevor man irgendetwas im Leben verändert, oder mit Haltungskorrekturübungen anfängt, sollte man erstmal schauen, was man auch quasi im Schlaf erledigen kann (auf diesen Satz habe ich mich schon den ganzen Artikel über gefreut).

Übrigens sollen die ersten Kissen entstanden sein, um den Kopf vom Boden, und damit von in Kopföffnungen krabbelnden Insekten, zu entfernen. Frühe Kissen waren hart - Holz, Stein. Historisch begleiten uns Kissen also schon lange, wenn auch nicht in der heute üblichen Fluffigkeit.

Es bleibt vielleicht noch die visuelle Abhängigkeit: so ein Bett mit Kissen sieht ja schon besser aus als ohne. Also kein Grund, die Kissen gleich wegzuschmeißen - aber vielleicht einfach beim Schlafengehen als Dekokissen, oder zusätzliche Wärmequelle, ans Fußende zu verfrachten.

(Photo Credit Banner: Luc De Leeuw, "Pillows", unter CC BY-NC-SA 2.0)

 

Mein Jahr OHNE Laufen

Aus die Maus. Fürs Laufen.

Aus die Maus. Fürs Laufen.

Es gibt wohl kaum etwas, das in der Sport-/Trainings-/Fitnesskultur SO verbreitet ist wie das Laufen. Mit Laufen meine ich: Joggen, Rennen, Sprinten, Intervall-Laufen - alles, was eben laufender-weise zur Verbesserung der Fitness/Trainingszustandes führen soll, oder auch zum "Kopf frei zu kriegen". Das Laufen hat den Ruf einer einfachen Sportaktivität, die kein Equipment braucht und überall gemacht werden kann, und die evolutionär sowieso in uns verankert ist. Eine Allzweckwaffe gegen die Bewegungsarmut und für die konditionelle Ausdauer, wenn einem sonst erstmal nichts einfällt.

Gleichzeitig ranken sich um diese vermeintlich einfache Bewegungsform die größten wissenschaftlichen und philosophischen Kontroversen. Ob das Laufen, trotz Einfachheit, möglicherweise doch (orthopädisch) schaden kann; für wen oder welche Sportart überhaupt geeignet; ob steady-state oder doch lieber hochintensive Intervalle; in welchen Schuhen, über Vor- oder Mittelfuß und mit welcher Art von Stützen und Dämpfung; oder vielleicht gleich ganz barfuß; mit oder ohne Pulsmonitor und in welchem Herzfrequenzbereich; mit oder ohne Musik.

Wie immer glaube ich, dass die ganze wissenschaftliche Evidenz und Expertenmeinungen hilfreich sind und zum Reflektieren und Ausprobieren anregen können - am Ende aber jeder für sich selbst herausfinden muss, was funktioniert und gut tut.

Laufen war schon immer ein Riesending in meinem Leben. So richtig systematisch und regelmäßig kam ich vor mehr als zwanzig Jahren zum Laufen, als ich in den USA an einer Highschool im Mittleren Westen Volleyball und Basketball spielte und das erste Mal überhaupt so richtig erfuhr, was hartes Training WIRKLICH war.

Seitdem war Laufen in unterschiedlichen Bedeutungen und Kontexten Teil meines Trainings und meiner Arbeit im Leistungssport.

Sowohl Mittel zum Zweck, d.h. um für eine andere Sportart fit zu werden; oder Zweck an sich, d.h. in Laufwettkämpfen; Entspannungs- und Reflexionsmethode; ein Weg, um mich auszutoben und Stress loszuwerden; ein wichtiger Baustein in meiner Arbeit mit Profisportlern.

Auf einer übergeordneten Ebene war regelmäßiges Laufen für mich der Garant, dass ich fit war und selbst wenn ich sonst gerade nicht viel anderen Sport machte, auf keinen Fall in irgendeiner Form bewegungslos auseinandergehen würde. Eine Art Kontroll- und manchmal Kompensationsmaßnahme für meinen inneren Schweinehund.

Gerade der letzte Aspekt ist nicht zu unterschätzen, und wenn Du selbst läufst oder mal gelaufen bist, dann weißt Du wahrscheinlich, was ich meine: Das Laufen kann enorm viel Selbstdisziplin in unser Leben bringen, eine Art körperform/-gefühl-regulierende Konstante in einem sonst vielleicht eher körperlosen Alltag. (Medial wird das durch Abbildungen von konzentriert nach vorne blickenden, ultra-Funktions-bekleideten, jedem Wind und Wetter trotzenden Superhelden unterstützt.)

Über die Jahre erlebte ich jedoch immer wieder die Kehrseiten des Laufens, auch wenn ich sie zunächst, ehrlich gesagt, ungerne gesehen, und oft genug verdrängt habe.

  • Überlastungssymptome: "Shin Splints", eine Ermüdungsfraktur im Schienbein, Erschöpfung - alles Resultate von suboptimaler Körperausrichtung, zu hohen Umfänge bzw zu schnellen Steigerungen, z.T. kombiniert mit ungünstigem Untergrund und Schuhwerk
  • Phasenweise Beckenbodenprobleme, Last-Inkontinenz beim Laufen - ein weitverbreitetes, klassiches Dunkelziffer-Problem unter Läufern, v.a. Läuferinnen
  • "Auschecken" während des Laufens - d.h. nicht genügend Körperwahrnehmung und Verlust von Körperausrichtung bei einsetzender Müdigkeit. Meistens bin ich auch mit Musik gelaufen, was dieses Abschalten noch verstärkte
  • Ermüdungs-basierte Entspannung - die beim/nach dem Laufen erlebte Entspannung ist im Grunde ein Resultat von Erschöpfung (d.h. Ermüdung bestimmter zentral-nervöser Areale). Es ist eine andere Art von Entspannung als die, die man durch bewusstes "Herunterfahren" des Zentralen Nervensystems (bzw. Aktivierung des Parasympathikus) erreicht, wie z.B. durch bewusstes Atmen, Meditation etc.
  • Abhängigkeit meines Körpergefühls vom Laufen (s.o.), d.h. ich fühle mich nur dann "gut", fit, attraktiv, wenn ich so und so viel pro Woche laufe
  • Genuss? Ich merkte, dass ich immer wieder aus einer Disziplin und für das gute Gefühl DANACH lief, und das Laufen gar nicht so sehr genoss; während ich andere Sportarten (wie Tennis, Beachen, Tanzen) auch im Tun selbst sehr genießen konnte
  • Etwas beweisen wollen: Nichts gegen Herausforderungen - ich meine hier hingegen die Selbst-Steuerung in Abhängigkeit vom Außen/gefühlter Fremdwahrnehmung. Mir war z.B. aufgefallen, dass es mir schwer fiel, Gehpausen beim Laufen einzulegen, wenn ich mich mal nicht so fit fühlte: Es war mir irgendwie peinlich, vor all den anderen Leuten (die ich ja gar nicht kannte!) in meiner Sportkleidung so auszusehen, als ob ich nicht mehr könnte
  • Beobachtung anderer Läufer: Wenn man seine Beobachtung auch nur ein wenig geschult hat, dann ist ein ganz gewöhnlicher Samstagnachmittag im Stadtpark ein einziges Jogging-Gruselkabinett. Ich finde es schier unglaublich, mit welchen Haltungs- und Bewegungsmustern Menschen sich ans Laufen trauen - und sich dann über chronische Schemerzen und Verletzungen wundern. Stichwort "Laufen, um zu trainiern vs. Trainieren, um zu Laufen". Eins ist klar: Wenn man auf ungünstige Haltungs-/Bewegungsmuster das Laufen und mit allem möglichen Schnickschnack gefüllte Schuhe draufsetzt, dann kracht's irgendwann.

Um Missverständnissen gleich hier vorzubeugen: Ich habe - auch heute! - nichts gegen das Laufen. Ich glaube weiterhin an die wohltuende, Ausdauer-stärkende körperliche (und auch transzendente!) Wirkung des Laufens. Ich glaube hingegen ebenso fest daran, dass ALLES eine Kehrseite hat, und vieles zu Abhängigkeiten führen kann (s. z.B. Essen, Beziehungen, Facebook - immer dann halt, wenn Dopamin-Ausschüttung im Spiel ist) und mit allen möglichen zweckfremden Dingen aufgeladen werden kann - und dass es einfach darum geht, zu merken, was passiert, und die richtige Dosis zu finden.

Ende der Einleitung.

Vor genau einem Jahr, Weihnachten 2013, beschloss ich daher, meinen eigenen inneren, und den gängigen äußeren Hype ums Laufen auf die Probe zu stellen - indem ich für mindestens ein Jahr auf das Laufen verzichten, und es durch tägliche Spaziergänge ersetzen würde (alte Sucht-Regel: Ersetze die zu eliminierende Gewohnheit durch eine andere (hoffentlich gute!)).

Ein Jahr später.

Die Ergebnisse:

Compliance: Sehr hoch. Keinmal laufen gewesen. An den meisten Tagen ca. 1,5Std reiner Spaziergang (also im Park des Gehens wegen gehen), plus möglichst viele Strecken zu Fuß gehen (wie z.B. zu Terminen gehen, Kind zur Schule bringen + abholen (letzteres allein 0,5Std-1Std)).

Zeitaufwand: Das viele Gehen klingt vielleicht nach viel Zeit (wer hat die noch!), aber am Ende sind 2-3 Stunden pro Tag auch nicht so viel, wenn man bedenkt, aus welchen Ablenkungen und Unterbrechungen und Ineffizienzen unser Tag so besteht. Macht es wirklich einen Unterschied, ob meine Mittagspause 0,75Std oder 1,5Std dauert? Ob mein Weg zur Arbeit aus 30min Auto/öffentliche Verkehrsmittel besteht oder 60min zu Fuß gehen (bzw einer Kombination aus Transportmittel und gehen)?

Auswirkungen aufs Körpergewicht: Null. (Im Rahmen der üblichen jahreszeitlichen Schwankungen. Ich habe keine Waage, kann aber mit Sicherheit sagen, dass ich noch in meine Kleidung passe).

Auswirkungen aufs Körpergefühl und Körperwahrnehmung: Hoch. Dadurch, dass das Gehen keine so hohe Last auf die Körperstrukturen gibt und langsamer ermüdet, kann man während des Gehens wunderbar am Körper dran bleiben und mit Ausrichtung/Haltung spielen. Z.B. wo ist mein Fixpunkt, um den herum ich meine Gehbewegung organisiere? Wie sehr strecke ich meine Hüft- und Kniegelenke? Wo befindet sich eigentlich mein Brustkorb? Wie gut ist der Kontakt zwischen meinen Füßen und dem Boden? Kann ich meine Schulter noch ein wenig fallen lassen, und was passiert dann? Warum schaue ich eigentlich so viel auf den Boden - und wie ändert sich meine Gangqualität, wenn ich Richtung Horizont schaue? Wie geht es meinen Augen dann? Außerdem habe ich das Jahr ein erstaunlich konstantes Körpergefühl erlebt, also dieses berühmte "Wohlfühlen in meiner Haut" (außer jetzt im Dezember - dieses ganze Weihnachtsgetue und die viele Schokolade ist für mich immer mit ein wenig Anspannung verbunden), es war weniger an äußere Sport-Umfänge gebunden. Hat mich Sicherheit aber auch mit dem höheren Tanzumfang zu tun (s. nächster Punkt). Darüberhinaus sind viele meiner kleineren Wehwehchen und Spannungsmuster über das Jahr verschwunden. Das rechne ich nicht direkt dem Gehen/nicht-Laufen zu, sondern eher dieser erhöhten Wahrnehmung, mehr Achtsamkeit und einschätzen können, was ich gerade brauche, in Kombination mit einem breiteren Bewegungsspektrum und in größeren Abständen über das Jahr verteilten Rolfing-Sitzungen.

Auswirkungen auf meine sonstigen Bewegungsaktivitäten und gefühltem Fitnesszustand: Hoch, aber auch zum Teil indirekt. Dies habe ich nicht bewusst gesteuert, sondern sich ein wenig von selbst entwickeln lassen. Markant war, dass ich sehr viel mehr in Tanzstunden, Bewegungsarbeit und in Clubs tanzen gegangen bin. Im Vergleich zu meinem sonstigen steady-state/phasenweise Intervalle-Laufpensum war das ein deutlich breiteres Intensitätspektrum: Hiphop-Stunden und in Clubs bei hohen Herzfrequenzen, Ballett und Bewegungsarbeit eher bei niedriegeren (Fokus auf Bewegungsqualität). In meine kleinen/sehr kurzen Kraftroutinen (2xWoche 5 Übungen a 3 Sätze mit variablen Wdh.) habe ich die Betonung (bewusst) auf den Oberkörper gelegt, also die Laufpause auch dafür genutzt, um Beinübungen (bis auf jeweils eine) komplett zu streichen. Hintergrund für diese Jahresplanung war, dass die Oberkörperkraft für mich immer schon ein schwieriges Thema war, während meine Beine schnell auf Trainingsreize reagieren. Zum gefühlten Fitnesszustand: Die Nagelprobe kam im Sommer, als ich anfing mit einem ungefähr zehn Jahre jüngeren Mann Speedminton zu spielen - und konditionell keine Probleme hatte. Mich eigentlich richtig gut gefühlt habe. Ohne etwas gemessen zu haben und es nun wissenschaftlich auswerten zu können vermute ich, dass 1) das regelmäßige Gehen einen stärken Einfluss auf kardio-vaskuläre Fitness in höheren Herzfrequenzen (--> Erholungsfähigkeit) hat, als ich zuvor erfahren hatte, 2) mein erhöhter Tanzumfang und das viele Mobilisieren die Bewegungsumfänge v.a. in der Hüfte sehr erhöht haben, und daher meine Bewegungen einfach effizienter geworden sind (weniger Energieverbrauch) und 3) - das ist jetzt sehr spekulativ - das monatelange Weglassen des Laufens möglicherweise eine Erholung einer jahrelangen, latent akkumulierten Belastung verschiedener Körpersysteme mit sich gebracht hat.

Auswirkungen auf mein sonstiges Leben: Meinen Job verlassen und mich bewusst in eine Phase der beruflichen und sonstigen Suche und Unternehmensgründung begeben. Übers Singledasein geschrieben. Über Behinderung geschrieben. Beyond Training gegründet. Insgesamt wirkt das Gehen wie ein kleiner Weckruf, wenn ich mal wieder zu viel und zu schnell machen will. Es hat mich Prioritäten herausfordern lassen - wenn ich mir so viel Zeit fürs Gehen nehmen kann und mein Leben/die Welt bricht NICHT zusammen - was heißt das generell für die Dinge, die ich in meinem Leben tue bzw nicht tue (obwohl ich sie vielleicht gerne täte)? Auf wieviel Stunden kann ich wirklich wesentliche Arbeit konzentrieren und meinen Lebensunterhalt sichern, um dann ganz viel Zeit für Bewegung und andere Erforschungen zu haben? Braucht es diese Trennung dann überhaupt noch...?

Einschränkungen: Ich will nicht alles glorifizieren. Das nicht-Laufen ist mir zwar erstaunlich leicht gefallen, das tägliche Spazieren nicht immer. Wenn man in einer urbanen Umgebung wohnt und immer in den selben Park geht, ist das halt kein abwechslungsreicher Waldspaziergang. Es brauchte also schon auch Überwindung, manchmal mehr, manchmal weniger. Manchmal fehlen mir außerdem mehr wöchentliche Belastungsspitzen, also tatsächlich leicht ins Leben einzubauende Sport-/Bewegungseinheiten am kardiovaskulären Anschlag - eine Herausforderung für das nächste Jahr. Ferner: Auch wenn viele chronische Wehwehchen verschwunden sind, sind phasenweise neue aufgetaucht und haben meine Aufmerksamkeit gebraucht - dies hatte wahrscheinlich auch mit dem veränderten Trainingsschwerpunkt (Oberkörper, viel hängen/hochziehen) zu tun. Außerdem sind Auswirkungen und Ergebnisse nie monokausal - all diese Auswirkungen sind also nicht nur das Ergebnis des nicht-Laufens, sondern: die Entscheidung, nicht zu Laufen hat insgesamt eine achtsame Qualität in mein Leben gebracht, und war gleichzeitig ein Ausdruck größerer Achtsamkeit, und lief sicherlich parallel mit anderen bewussten und unbewussten Veränderungen.

Fazit: Für mich war "Ein Jahr NICHT laufen" ein Riesen-Leap-of-Faith. Für jemanden, der gerne an Grenzen geht und sich herausfordert, war diese Art von "Trainings-Regression", also mal langsamer zu machen, ein ziemlicher Schritt. Im Grunde war es aber einfach eine ganz andere Art von Herausforderung, nämlich des bewussten Wahrnehmens und der Bewegungsqualität, und am Ende auch des Lifestyle-Designs. Warum das Ganze eigentlich auf ein Jahr beschränken? Ich entdecke immer noch viel beim Gehen - will aber nicht ausschließen, dass ich das Laufen wieder aufnehme, in welcher Form auch immer. Gutes Thema für eine Jahresanfangs-Reflexion und Planung.

Was sind eure Leap-of-Faiths - was habt ihr schon mal für eine Weile oder ganz aus eurem Leben geschmissen, ohne vorher zu wissen, was passieren wird?

 

 

 

Warum Du Deinen Christbaum unbedingt auf Deinem Kopf nach Hause tragen solltest

Es ist wieder die Zeit, in der Tannenbäume sehr, sehr viele Wohnzimmer bevölkern. Natürlich müssen sie erstmal dahin kommen. Und so poppen an vielen ungenutzten Stellflächen auf einmal Christbaum-Verkaufsstände auf. Normalerweise sieht das dann so aus, dass man ziemlich vorweihnachtsgestresst per Auto zu einem solchen Stand hinfährt, ein Prachtstück ergattert, einpacken lässt, ins Auto verfrachtet, und durch den Vorweihnachtsverkehr wieder nach Hause düst bzw mit kurzen Fahrunterbrechungen steht.

Es geht natürlich auch ganz anders, wenn man den Alltag zum Training machen will. Und viel länger dauert es auch nicht, wenn man den Verkaufsstand geschickt wählt.

Eigentlich war es eine meiner überraschendsten "Trainingseinheiten" der letzten Wochen.

Auf dem Rückweg von einem leichten Einkauf kam ich an einem dieser Christbaumstände vorbei, etwa 15min Fußweg von meiner Wohnung. Die perfekte Gelegenheit, dieses Jahr schon etwas früher einen Baum zu besorgen - so fragte ich den Verkäufer, ob ich den Baum (ca 1,7m) wohl zu Fuß nach Hause kriegen würde - was er natürlich bejahte (ich glaube es war ihm ein wenig egal). Freundlicherweise schnitt er mir eine Öffnung in das Verpackungsnetz, so dass ich den Stamm auf etwa zwei Drittel der Baumhöhe greifen konnte.

Ich ging ein paar Schritte, den Baum leicht vom Boden gehoben. Selbst nach diesen paar Schritten war mir klar, dass diese Art des Tragens keine Freude machen würde. Es gab nur eine Möglichkeit, das Gewicht des Baumes einigermaßen symmetrisch und gleichmäßig über meinen Körper zu verteilen: Indem ich ihn auf meinem Kopf tragen würde. Was ein etwas ungewohnter Gedanke war, da ich normalerweise so etwas nicht mache.

Das Foto hat freundlicherweise der Verkäufer des Christbaumverkaufes an der Hackerbrücke, München aufgenommen und mir einen seiner Bäume dazu leihweise zur Verfügung gestellt. Meinen Baum hatte ich am Vortag woanders gekauft - aber vor Aufregung nicht daran gedacht, ein Foto zu machen.

Das Foto hat freundlicherweise der Verkäufer des Christbaumverkaufes an der Hackerbrücke, München aufgenommen und mir einen seiner Bäume dazu leihweise zur Verfügung gestellt. Meinen Baum hatte ich am Vortag woanders gekauft - aber vor Aufregung nicht daran gedacht, ein Foto zu machen.

Mit ein wenig Schwung landete der Baum schnell da, wo er sollte. Es folgte ein großartiger, herausfordernder Spaziergang, am Ende sogar leicht schweißtreibend. Sehr zu empfehlen! Hier ein paar Ideen, Beobachtungen und Tipps zum Nachmachen:

  • Dies war definitv eine der besten Aktivitäten, um mit der eigenen Auf- und Ausrichtung zu spielen. Man spürt sofort, ob Kopf, Brustkorb und Becken in einer guten und dynamischen Beziehung zueinander stehen.
  • Ich kam mit dem ca. 1,70m großen Baum (bei 1,8m Körpergröße) sehr gut zurecht - meine Vermutung ist daher, dass man, je nach eigener Verfassung und Weglänge natürlich, etwa Körpergröße anpeilen kann, Männer vielleicht wahrscheinlich mehr. Einfach ausprobieren (und gerne per (Bild-)Kommentar posten!).
  • Aufgrund der Massenverteilung des Baums steht er zur Spitze hin natürlich etwas über, d.h. er ist nicht symmetrisch um die vertikale Körperachse verteilt. Das sollte man im Kopf behalten, wenn man z.B. an anderen Menschen vorbei geht.
  • Ich habe die meiste Zeit der Strecke an der überhängenden Teil den Stamm gehalten. Zum Ende hin aber auch mal den Arm entlastet, und mit der anderen Hand am Stammende gegriffen.
  • Ein weiterer spannender Nebeneffekt: Durch den langen Hebel an der überhängenden Seite schwingt der Baum natürlich aufgrund des Gehens. Daher wird reflektiv eine große Rumpfstabilisation angeregt.
  • Und natürlich gilt wie immer: Nicht übertreiben, und bei irgendwelchen Schmerzen besser abbrechen. Mütze und Handschuhe sind empfehlenswert.
  • Wer aber auf den Geschmack gekommen ist: Bestimmt freuen sich auch die vorweihnachtlich gestressten Nachbarn über einen so liebevoll zu ihnen gebrachten Baum.

Und bei all dem: Verflog jegliche vorweihnachtliche Hektik, und auch anderen Leuten entlockte es ein Lächeln (oder zumindest entspannten sich für einen Moment die Gesichtszüge) - einfach ein schöner Spaziergang des Spielens willen. Übrigens dürfen auch Kinder ran, je nach Möglichkeiten. Vorgemacht hat es die von mir sehr geschätzte Biomechanikerin und Therapeutin Katy Bowman hier:

Viel Freude beim Tragen und hin und wieder einen Glühwein gegen den Weihnachtsstress!