Hintergrund

Wofür trainieren wir eigentlich genau, wenn wir ins Fitnessstudio gehen? ODER: Wofür sportliche Aktivität EIGENTLICH gut ist.

Während ich in der letzten Zeit weiter an Konzepten, Exposés und allen möglichen Start-up-Aktivitäten feilte, hatte ich ein denkwürdiges Telefonat mit Rolfer und Berufsmusiker Klaus Liebetrau (www.rolfingandmusic.de), mit dem ich seit meiner Zeit im europäischen Rolfing-Verband befreundet bin (einen Podcast mit ihm, u.a. zum Thema Bewegung und musizieren, wird es auch dieses Jahr geben).

Wir sprachen über meine Arbeit, und ich erzählte Klaus, wie schwer es mir nach wie vor fällt, für einige meiner Ideen/Pläne/Inhalte die richtigen Worte zu finden.

Daraufhin Klaus, ganz trocken: "Naja, wenn ich es richtig verstehe, dann willst Du doch im Grunde zeigen, dass man auch ohne Sport fit sein kann."

Ich wurde still. Dachte nach. Vor meinem inneren Auge lief ein Film ab - all die vielen sportlichen Zeiten und Höhepunkte in meinem Leben. Ich spürte, wie viel Spaß ich an Sport hatte und immer noch habe, wie gut es tut sich auszupowern, sich herauszufordern, die eigene Kraft zu spüren immer wieder etwas Neues zu lernen; und diese Freude auch noch mit anderen teilen zu können.

Ich hatte aber auch erfahren, dass Sport zur Sucht werden kann; dass der Grat zwischen Herausforderung und Überlastung oft zu schmal ist, als dass man ihn langfristig ausbalancieren kann. Ich dachte an Verletzungen und Wehwehchen, das schlechte Gewissen, nicht genug zu machen oder ein Training ausfallen zu lassen. Die Angst davor, den eigenen Fitnesslevel nur mit sehr großer Mühe aufrechterhalten zu können, und wie sehr mein eigenes Attraktivitäts- und Wohlgefühl früher vom Sport abhing (ok, ich bekenne - diesen Link gibt es in einem gewissen Ausmaß immer noch).

Und so erwiderte ich: "Ja, im Grunde schon....oder nein, eigentlich möchte ich zeigen: Dass man auch ohne Sport fit sein kann UND den Sport einfach aus reiner Freude an ihm machen kann - wenn man will."

Bingo.

Das war natürlich noch kein Businessplan oder fertige Unternehmensstrategie - aber es brachte mich wieder mit einem Aspekt in Verbindung, der so zentral ist für das, was ich seit einger Zeit selbst erfahren habe.

Ich will es mal mit einer einfachen Frage illustrieren:

Warum gehen wir eigentlich ins Fitnessstudio? Wofür genau trainieren wir dort?

...schnell mal fit werden?

...schnell mal fit werden?

Man könnte meinen: Um fit zu werden (und zu bleiben).

Ok. Dann frage ich weiter:

Wovon ist man denn nicht fit genug? Und fit genug für was genau?

Was ich damit sagen will: Wenn unser Körper in etwas gut ist und immer sein wird - dann ist es seine Fähigkeit, sich in erstaunlich präziser Weise an seine Lebensumstände anzupassen - und zwar so effizient, d.h. energie-konservierend wie möglich. Das heißt: Wenn man "nicht fit" ist - dann ist das genau der Fitnesslevel, der für den eigenen Alltag ausreicht. "Nicht fit" zu sein ist also kein Versagen des Körpers - es ist das Ergebnis einer ausgefeilten Anpassung an ein Leben, das im Wesentlichen von sitzenden, stehenden, liegenden, vielleicht noch kurzzeitig gehenden Aktivitäten geprägt ist. Mit "im Wesentlichen" meine ich: Der größte Anteil unserer Schlaf- und Wachzeit (von der die paar Stunden im Fitnessstudio oder bei sonstigem Sport der geringste Anteil sind).

Vielleicht wird meine Argumentation jetzt klarer: Die Antwort auf "nicht fit" ist NICHT etwa, für ein paar Stunden pro Woche ins Fitnessstudio zu rennen und (vergeblich) zu versuchen etwas zu kompensieren, was ein Vielfaches dieser Stunden überhaupt erst hervorgebracht hat. Die Antwort ist hingegen: Das eigene Leben, d.h. Inhalte und Gewohnheiten so zu verändern, dass der Alltag an sich einen höheren Fitnesslevel braucht, um ihn überhaupt führen zu können.

Denn DANN kann man endlich: nicht etwa aus zähneknirschendem Pflichtbewusstsein, sondern ganz entspannt, nur weil man Lust darauf hat, aus purer Freude daran, ins Fitnessstudio gehen und es krachen lassen.

Oder vielleicht doch lieber zum Tanzen, oder Fußball, zum Surfen oder in die Berge.

Über den wahren Grund für fehlende Bewegungsvielfalt im Alltag (und nein, es ist NICHT Zeitmangel oder der innere Schweinehund)

Sich in Alltagssituationen vielfältig zu bewegen klingt eigentlich absolut machbar: Öfter mal die Treppe nehmen, und dabei bewusst auf den Gang achten; hier und da mal anders zum Arbeiten hinsetzen, oder auch hocken, oder aufstehen; einfach mal zwischendurch eine neue Bewegung ausprobieren, oder eine neue Sportart; sich irgendwo dranhängen und hochziehen; die schweren Einkäufe zur kleinen Rumpfstabililisations-Trainingseinheit machen. Insgesamt in einer Bewegungs-erforschenden und -spielerischen Haltung durchs Leben gehen; schauen, was sich gut anfühlt, was passt, was funktioniert - und so nach und nach das eigene Bewegungsrepertoire aufbauen und stetig erweitern.

Machbar, ja - und dennoch ist es nicht immer so ganz einfach, sich die Alltagsbewegungen zur Gewohnheit zu machen. Auf Zeit-/Prioritätenmangel schieben das manche, oder auf eine gewisse innere Trägheit, die einen doch gerne auf dem Stuhl oder Sofa sitzen, oder das Auto nehmen lässt.

Mich hat diese seltsame Diskrepanz zwischen der vermeintlichen Einfachheit und der so schwer überwindbaren Prioritäts- und Motivationsproblematik vor allem dieses Jahr, im Vorlauf zur Gründung von Beyond Training, sehr beschäftigt. Das machte irgendwie keinen Sinn. Warum würden alle möglichen lapidaren Dinge jemanden davon abhalten, etwas tief evolutionär verankertes, wohltuendes, in den Alltag einzustreuen?

Bis ich darauf kam, dass da möglicherweise noch etwas anderes Bewegungs-hemmend wirken könnte. Und zwar noch viel mehr, als Zeit, Prioritäten und innerer Schweinehund zusammen.

Es gibt da nämlich noch etwas anderes, das evolutionär sehr tief in uns verankert ist:

Unser Wunsch nach Zugehörigkeit.

Dass wir von anderen gesehen und anerkannt, und in eine Gemeinschaft aufgenommen werden wollen. Evolutionär hing unser Überleben von dieser sozialen Zugehörigkeit mehr ab als von vielen anderen Faktoren.

Im Umkehrschluss: Wir wollen 1.) nicht als Außenseiter dastehen. Und 2.) wollen wir uns auf keinen Fall blamieren und zum Gespött anderer machen.

Letzteres ist vielleicht nicht so sehr evolutionär erwachsen - sondern eher aus unserer Sozialisation, in der Fehler unerwünscht waren, Anderssein eigentlich nur störte, und in der Erfolg oft davon abhing, wie gut man mitgemacht und funktioniert hat.

Zur Illustration: Kennst Du vielleicht das Gefühl, wenn Du mit Kollegen vom Mittagessen wieder ins Büro gehst, und Du Dich am Aufzug von der Gruppe löst, um als einziger die Treppe zu nehmen? Oder es dann doch nicht tust, um Dich nicht abzusondern bzw die anderen als Bewegungsmuffel dastehen zu lassen?

Foto  "I admit, I don't normally do this in the office..." von  April Rinne  unter  CC BY-NC-SA 2.0

Foto "I admit, I don't normally do this in the office..." von April Rinne unter CC BY-NC-SA 2.0

Oder: Könntest Du Dir vorstellen, als einzige in einem Großraumbüro mit Deinem Laptop zum Arbeiten auf den Boden zu setzen? Zwischendurch einen Handstand an der Wand zu machen, um den Kopf freizukriegen? Dir Zeit für ein paar Dehnübungen, einen Spaziergang, ein paar Klimmzüge im Türrahmen zu nehmen, während alle anderen viel zu beschäftigt für solche Spielereien sind?

Und dann, selbst wenn Du Dir einen Ruck gegeben hast, die vermeintliche Blamage: Was ist, wenn der Handstand nicht auf Anhieb gelingt? Deine Dehnübungen ihren Namen kaum verdienen, und nicht ein einziger Klimmzug rausspringt?

Da ist wieder eine Diskrepanz: Auf der einen Seite leben wir in einer Alltagskultur, die sehr von Bewegungsarmut und Körperlosigkeit geprägt ist - und es ist schwer daraus "auszubrechen", wenn man dazugehören will; auf der anderen Seite bekommen Alltags-Bewegungsexperimente gefühlt nur dann Anerkennung, wenn sie das Zeug zum Youtube-Upload haben.

In gewisser Weise werden wir mit all diesen Diskrepanzen leben müssen, wenn wir unseren eigenen Bewegungsweg gehen wollen.

Und da das Jahr noch jung ist - wie wäre es mit zwei radikalen Vorsätzen:

1.) Die Angst vor dem Nicht-Dazugehören einfach zu akzeptieren, als ganz normale Begleiterscheinung des Gehens ganz ureigener und außergewöhnlicher Wege. Trotzdem alleine die Treppe nehmen, einen Handstand machen oder auf dem Boden arbeiten. Endlich die neue Sportart ausprobieren, die man in unserem Alter eigentlich nicht mehr macht. Vielleicht merken wir, dass die Angst zum großen Teil unbegründet ist, und dass diejenigen Menschen, die über unsere Bewegungsversuche ein wenig die Nase rümpfen, uns eh nicht gut tun. Vielleicht finden wir nach und nach aber sogar Mitstreiter, einen nach dem anderen, wenn wir uns an irgendwelche Lüftungsrohre hängen.

2.) Uns so oft es geht, so richtig, nach Strich und Faden - zu blamieren!

Ein ureigenes, bewegendes und lebendiges 2015 wünscht euch

Patricia





Mein Jahr OHNE Laufen

Aus die Maus. Fürs Laufen.

Aus die Maus. Fürs Laufen.

Es gibt wohl kaum etwas, das in der Sport-/Trainings-/Fitnesskultur SO verbreitet ist wie das Laufen. Mit Laufen meine ich: Joggen, Rennen, Sprinten, Intervall-Laufen - alles, was eben laufender-weise zur Verbesserung der Fitness/Trainingszustandes führen soll, oder auch zum "Kopf frei zu kriegen". Das Laufen hat den Ruf einer einfachen Sportaktivität, die kein Equipment braucht und überall gemacht werden kann, und die evolutionär sowieso in uns verankert ist. Eine Allzweckwaffe gegen die Bewegungsarmut und für die konditionelle Ausdauer, wenn einem sonst erstmal nichts einfällt.

Gleichzeitig ranken sich um diese vermeintlich einfache Bewegungsform die größten wissenschaftlichen und philosophischen Kontroversen. Ob das Laufen, trotz Einfachheit, möglicherweise doch (orthopädisch) schaden kann; für wen oder welche Sportart überhaupt geeignet; ob steady-state oder doch lieber hochintensive Intervalle; in welchen Schuhen, über Vor- oder Mittelfuß und mit welcher Art von Stützen und Dämpfung; oder vielleicht gleich ganz barfuß; mit oder ohne Pulsmonitor und in welchem Herzfrequenzbereich; mit oder ohne Musik.

Wie immer glaube ich, dass die ganze wissenschaftliche Evidenz und Expertenmeinungen hilfreich sind und zum Reflektieren und Ausprobieren anregen können - am Ende aber jeder für sich selbst herausfinden muss, was funktioniert und gut tut.

Laufen war schon immer ein Riesending in meinem Leben. So richtig systematisch und regelmäßig kam ich vor mehr als zwanzig Jahren zum Laufen, als ich in den USA an einer Highschool im Mittleren Westen Volleyball und Basketball spielte und das erste Mal überhaupt so richtig erfuhr, was hartes Training WIRKLICH war.

Seitdem war Laufen in unterschiedlichen Bedeutungen und Kontexten Teil meines Trainings und meiner Arbeit im Leistungssport.

Sowohl Mittel zum Zweck, d.h. um für eine andere Sportart fit zu werden; oder Zweck an sich, d.h. in Laufwettkämpfen; Entspannungs- und Reflexionsmethode; ein Weg, um mich auszutoben und Stress loszuwerden; ein wichtiger Baustein in meiner Arbeit mit Profisportlern.

Auf einer übergeordneten Ebene war regelmäßiges Laufen für mich der Garant, dass ich fit war und selbst wenn ich sonst gerade nicht viel anderen Sport machte, auf keinen Fall in irgendeiner Form bewegungslos auseinandergehen würde. Eine Art Kontroll- und manchmal Kompensationsmaßnahme für meinen inneren Schweinehund.

Gerade der letzte Aspekt ist nicht zu unterschätzen, und wenn Du selbst läufst oder mal gelaufen bist, dann weißt Du wahrscheinlich, was ich meine: Das Laufen kann enorm viel Selbstdisziplin in unser Leben bringen, eine Art körperform/-gefühl-regulierende Konstante in einem sonst vielleicht eher körperlosen Alltag. (Medial wird das durch Abbildungen von konzentriert nach vorne blickenden, ultra-Funktions-bekleideten, jedem Wind und Wetter trotzenden Superhelden unterstützt.)

Über die Jahre erlebte ich jedoch immer wieder die Kehrseiten des Laufens, auch wenn ich sie zunächst, ehrlich gesagt, ungerne gesehen, und oft genug verdrängt habe.

  • Überlastungssymptome: "Shin Splints", eine Ermüdungsfraktur im Schienbein, Erschöpfung - alles Resultate von suboptimaler Körperausrichtung, zu hohen Umfänge bzw zu schnellen Steigerungen, z.T. kombiniert mit ungünstigem Untergrund und Schuhwerk
  • Phasenweise Beckenbodenprobleme, Last-Inkontinenz beim Laufen - ein weitverbreitetes, klassiches Dunkelziffer-Problem unter Läufern, v.a. Läuferinnen
  • "Auschecken" während des Laufens - d.h. nicht genügend Körperwahrnehmung und Verlust von Körperausrichtung bei einsetzender Müdigkeit. Meistens bin ich auch mit Musik gelaufen, was dieses Abschalten noch verstärkte
  • Ermüdungs-basierte Entspannung - die beim/nach dem Laufen erlebte Entspannung ist im Grunde ein Resultat von Erschöpfung (d.h. Ermüdung bestimmter zentral-nervöser Areale). Es ist eine andere Art von Entspannung als die, die man durch bewusstes "Herunterfahren" des Zentralen Nervensystems (bzw. Aktivierung des Parasympathikus) erreicht, wie z.B. durch bewusstes Atmen, Meditation etc.
  • Abhängigkeit meines Körpergefühls vom Laufen (s.o.), d.h. ich fühle mich nur dann "gut", fit, attraktiv, wenn ich so und so viel pro Woche laufe
  • Genuss? Ich merkte, dass ich immer wieder aus einer Disziplin und für das gute Gefühl DANACH lief, und das Laufen gar nicht so sehr genoss; während ich andere Sportarten (wie Tennis, Beachen, Tanzen) auch im Tun selbst sehr genießen konnte
  • Etwas beweisen wollen: Nichts gegen Herausforderungen - ich meine hier hingegen die Selbst-Steuerung in Abhängigkeit vom Außen/gefühlter Fremdwahrnehmung. Mir war z.B. aufgefallen, dass es mir schwer fiel, Gehpausen beim Laufen einzulegen, wenn ich mich mal nicht so fit fühlte: Es war mir irgendwie peinlich, vor all den anderen Leuten (die ich ja gar nicht kannte!) in meiner Sportkleidung so auszusehen, als ob ich nicht mehr könnte
  • Beobachtung anderer Läufer: Wenn man seine Beobachtung auch nur ein wenig geschult hat, dann ist ein ganz gewöhnlicher Samstagnachmittag im Stadtpark ein einziges Jogging-Gruselkabinett. Ich finde es schier unglaublich, mit welchen Haltungs- und Bewegungsmustern Menschen sich ans Laufen trauen - und sich dann über chronische Schemerzen und Verletzungen wundern. Stichwort "Laufen, um zu trainiern vs. Trainieren, um zu Laufen". Eins ist klar: Wenn man auf ungünstige Haltungs-/Bewegungsmuster das Laufen und mit allem möglichen Schnickschnack gefüllte Schuhe draufsetzt, dann kracht's irgendwann.

Um Missverständnissen gleich hier vorzubeugen: Ich habe - auch heute! - nichts gegen das Laufen. Ich glaube weiterhin an die wohltuende, Ausdauer-stärkende körperliche (und auch transzendente!) Wirkung des Laufens. Ich glaube hingegen ebenso fest daran, dass ALLES eine Kehrseite hat, und vieles zu Abhängigkeiten führen kann (s. z.B. Essen, Beziehungen, Facebook - immer dann halt, wenn Dopamin-Ausschüttung im Spiel ist) und mit allen möglichen zweckfremden Dingen aufgeladen werden kann - und dass es einfach darum geht, zu merken, was passiert, und die richtige Dosis zu finden.

Ende der Einleitung.

Vor genau einem Jahr, Weihnachten 2013, beschloss ich daher, meinen eigenen inneren, und den gängigen äußeren Hype ums Laufen auf die Probe zu stellen - indem ich für mindestens ein Jahr auf das Laufen verzichten, und es durch tägliche Spaziergänge ersetzen würde (alte Sucht-Regel: Ersetze die zu eliminierende Gewohnheit durch eine andere (hoffentlich gute!)).

Ein Jahr später.

Die Ergebnisse:

Compliance: Sehr hoch. Keinmal laufen gewesen. An den meisten Tagen ca. 1,5Std reiner Spaziergang (also im Park des Gehens wegen gehen), plus möglichst viele Strecken zu Fuß gehen (wie z.B. zu Terminen gehen, Kind zur Schule bringen + abholen (letzteres allein 0,5Std-1Std)).

Zeitaufwand: Das viele Gehen klingt vielleicht nach viel Zeit (wer hat die noch!), aber am Ende sind 2-3 Stunden pro Tag auch nicht so viel, wenn man bedenkt, aus welchen Ablenkungen und Unterbrechungen und Ineffizienzen unser Tag so besteht. Macht es wirklich einen Unterschied, ob meine Mittagspause 0,75Std oder 1,5Std dauert? Ob mein Weg zur Arbeit aus 30min Auto/öffentliche Verkehrsmittel besteht oder 60min zu Fuß gehen (bzw einer Kombination aus Transportmittel und gehen)?

Auswirkungen aufs Körpergewicht: Null. (Im Rahmen der üblichen jahreszeitlichen Schwankungen. Ich habe keine Waage, kann aber mit Sicherheit sagen, dass ich noch in meine Kleidung passe).

Auswirkungen aufs Körpergefühl und Körperwahrnehmung: Hoch. Dadurch, dass das Gehen keine so hohe Last auf die Körperstrukturen gibt und langsamer ermüdet, kann man während des Gehens wunderbar am Körper dran bleiben und mit Ausrichtung/Haltung spielen. Z.B. wo ist mein Fixpunkt, um den herum ich meine Gehbewegung organisiere? Wie sehr strecke ich meine Hüft- und Kniegelenke? Wo befindet sich eigentlich mein Brustkorb? Wie gut ist der Kontakt zwischen meinen Füßen und dem Boden? Kann ich meine Schulter noch ein wenig fallen lassen, und was passiert dann? Warum schaue ich eigentlich so viel auf den Boden - und wie ändert sich meine Gangqualität, wenn ich Richtung Horizont schaue? Wie geht es meinen Augen dann? Außerdem habe ich das Jahr ein erstaunlich konstantes Körpergefühl erlebt, also dieses berühmte "Wohlfühlen in meiner Haut" (außer jetzt im Dezember - dieses ganze Weihnachtsgetue und die viele Schokolade ist für mich immer mit ein wenig Anspannung verbunden), es war weniger an äußere Sport-Umfänge gebunden. Hat mich Sicherheit aber auch mit dem höheren Tanzumfang zu tun (s. nächster Punkt). Darüberhinaus sind viele meiner kleineren Wehwehchen und Spannungsmuster über das Jahr verschwunden. Das rechne ich nicht direkt dem Gehen/nicht-Laufen zu, sondern eher dieser erhöhten Wahrnehmung, mehr Achtsamkeit und einschätzen können, was ich gerade brauche, in Kombination mit einem breiteren Bewegungsspektrum und in größeren Abständen über das Jahr verteilten Rolfing-Sitzungen.

Auswirkungen auf meine sonstigen Bewegungsaktivitäten und gefühltem Fitnesszustand: Hoch, aber auch zum Teil indirekt. Dies habe ich nicht bewusst gesteuert, sondern sich ein wenig von selbst entwickeln lassen. Markant war, dass ich sehr viel mehr in Tanzstunden, Bewegungsarbeit und in Clubs tanzen gegangen bin. Im Vergleich zu meinem sonstigen steady-state/phasenweise Intervalle-Laufpensum war das ein deutlich breiteres Intensitätspektrum: Hiphop-Stunden und in Clubs bei hohen Herzfrequenzen, Ballett und Bewegungsarbeit eher bei niedriegeren (Fokus auf Bewegungsqualität). In meine kleinen/sehr kurzen Kraftroutinen (2xWoche 5 Übungen a 3 Sätze mit variablen Wdh.) habe ich die Betonung (bewusst) auf den Oberkörper gelegt, also die Laufpause auch dafür genutzt, um Beinübungen (bis auf jeweils eine) komplett zu streichen. Hintergrund für diese Jahresplanung war, dass die Oberkörperkraft für mich immer schon ein schwieriges Thema war, während meine Beine schnell auf Trainingsreize reagieren. Zum gefühlten Fitnesszustand: Die Nagelprobe kam im Sommer, als ich anfing mit einem ungefähr zehn Jahre jüngeren Mann Speedminton zu spielen - und konditionell keine Probleme hatte. Mich eigentlich richtig gut gefühlt habe. Ohne etwas gemessen zu haben und es nun wissenschaftlich auswerten zu können vermute ich, dass 1) das regelmäßige Gehen einen stärken Einfluss auf kardio-vaskuläre Fitness in höheren Herzfrequenzen (--> Erholungsfähigkeit) hat, als ich zuvor erfahren hatte, 2) mein erhöhter Tanzumfang und das viele Mobilisieren die Bewegungsumfänge v.a. in der Hüfte sehr erhöht haben, und daher meine Bewegungen einfach effizienter geworden sind (weniger Energieverbrauch) und 3) - das ist jetzt sehr spekulativ - das monatelange Weglassen des Laufens möglicherweise eine Erholung einer jahrelangen, latent akkumulierten Belastung verschiedener Körpersysteme mit sich gebracht hat.

Auswirkungen auf mein sonstiges Leben: Meinen Job verlassen und mich bewusst in eine Phase der beruflichen und sonstigen Suche und Unternehmensgründung begeben. Übers Singledasein geschrieben. Über Behinderung geschrieben. Beyond Training gegründet. Insgesamt wirkt das Gehen wie ein kleiner Weckruf, wenn ich mal wieder zu viel und zu schnell machen will. Es hat mich Prioritäten herausfordern lassen - wenn ich mir so viel Zeit fürs Gehen nehmen kann und mein Leben/die Welt bricht NICHT zusammen - was heißt das generell für die Dinge, die ich in meinem Leben tue bzw nicht tue (obwohl ich sie vielleicht gerne täte)? Auf wieviel Stunden kann ich wirklich wesentliche Arbeit konzentrieren und meinen Lebensunterhalt sichern, um dann ganz viel Zeit für Bewegung und andere Erforschungen zu haben? Braucht es diese Trennung dann überhaupt noch...?

Einschränkungen: Ich will nicht alles glorifizieren. Das nicht-Laufen ist mir zwar erstaunlich leicht gefallen, das tägliche Spazieren nicht immer. Wenn man in einer urbanen Umgebung wohnt und immer in den selben Park geht, ist das halt kein abwechslungsreicher Waldspaziergang. Es brauchte also schon auch Überwindung, manchmal mehr, manchmal weniger. Manchmal fehlen mir außerdem mehr wöchentliche Belastungsspitzen, also tatsächlich leicht ins Leben einzubauende Sport-/Bewegungseinheiten am kardiovaskulären Anschlag - eine Herausforderung für das nächste Jahr. Ferner: Auch wenn viele chronische Wehwehchen verschwunden sind, sind phasenweise neue aufgetaucht und haben meine Aufmerksamkeit gebraucht - dies hatte wahrscheinlich auch mit dem veränderten Trainingsschwerpunkt (Oberkörper, viel hängen/hochziehen) zu tun. Außerdem sind Auswirkungen und Ergebnisse nie monokausal - all diese Auswirkungen sind also nicht nur das Ergebnis des nicht-Laufens, sondern: die Entscheidung, nicht zu Laufen hat insgesamt eine achtsame Qualität in mein Leben gebracht, und war gleichzeitig ein Ausdruck größerer Achtsamkeit, und lief sicherlich parallel mit anderen bewussten und unbewussten Veränderungen.

Fazit: Für mich war "Ein Jahr NICHT laufen" ein Riesen-Leap-of-Faith. Für jemanden, der gerne an Grenzen geht und sich herausfordert, war diese Art von "Trainings-Regression", also mal langsamer zu machen, ein ziemlicher Schritt. Im Grunde war es aber einfach eine ganz andere Art von Herausforderung, nämlich des bewussten Wahrnehmens und der Bewegungsqualität, und am Ende auch des Lifestyle-Designs. Warum das Ganze eigentlich auf ein Jahr beschränken? Ich entdecke immer noch viel beim Gehen - will aber nicht ausschließen, dass ich das Laufen wieder aufnehme, in welcher Form auch immer. Gutes Thema für eine Jahresanfangs-Reflexion und Planung.

Was sind eure Leap-of-Faiths - was habt ihr schon mal für eine Weile oder ganz aus eurem Leben geschmissen, ohne vorher zu wissen, was passieren wird?