Gehstöcke

91 - "Exzessives Gehen" ODER: Die Unfehlbarkeit des kindlichen Körpergespürs

Erneut erlebe ich, wie bereits beschrieben, eine Situation, in der die körperlichen Fähigkeiten meines Sohnes von seinem direkten Umfeld heruntergeredet werden. Oder missverstanden - das bleibt abzuwarten.

Kurz zusammengefasst hat er vor Kurzem etwas ganz Besonderes geschafft: Eine Schulwoche komplett ohne Rollstuhl, nur mit seinen Gehstöcken. Davon mehrfach auch seinen Schulweg zu Fuß und mit öffentlichem Verkehrsmitteln bewältigt. Verständlicherweise superstolz darauf.

Ich hatte auch den Widerstand erwähnt, den sein neuer Fortschritt bei einigen Mitarbeitern seiner Schule ausgelöst hat.

Nachdem wir Eltern heute ein kurzes Tür-und-Angel-Gespräch mit seiner Klassenlehrerin geführt haben, wird mir so langsam die dahinterstehende Dynamik bewusst. Dass das, was eigentlich Inklusion sein sollte - ein Flickenteppich aus medizinischen Dogmen, Schubladen und einem Misstrauen gegenüber dem Entwicklungspotential eines Kindes ist. Es scheint schwer zu sein, sich darauf einzulassen, dass ein Kind, welches normalerweise mit dem Rollstuhl unterwegs ist, auf einmal auf seine Füße kommen will.

Die Lehrerin war komplett aufgelöst. Offenbar hatte sie mit einem Mitarbeiter des Mobilen Sonderpädagogischen Dienstes gesprochen, der ihr tatsächlich gesagt hatte, dass so viel Gehen für meinen Sohn mit seiner "Krankheit" (so hatte sie die Zerebralparese tatsächlich genannt) nicht gut sei. Genauer gesagt benutzte sie den Begriff "exzessives Gehen", und offenbar war ihr gesagt worden, dass dies eine Belastung für die Gelenke u.ä. sei. Als ich ihr vor Augen hielt, wieviel er so im Alltag und in den Bergen läuft, sagte sie sie "hoffe", dass er davon keine Langzeitschäden davontragen würde.

Ich mache ihr keinen Vorwurf. Sie kennt sich mit den genauen Aspekten dieser Behinderung nicht aus, sondern gab im Grunde nur das wieder, was ihr der angebliche Experte für diese "Krankheit" (sorry, ich kann es nicht lassen) gesagt hatte. Der wiederum sieht meinen Sohn bei seinen Hospitationen an etwa zwei bis drei Tagen im Jahr; weiß nichts über die Entwicklungen der letzten Jahre und sonstige Alltags-Bewegungsgewohnheiten. Und hält offenbar stark an bestimmten medizinischen Dogmen fest, die alle darauf hinauslaufen, dass jemand wie mein Sohn sich nicht zu viel bewegen sollte, und wenn, dann nur in bestimmten vorgeschriebenen Rahmen.

Ich habe keine Ahnung, wie man darauf kommen kann, die natürlichen Bewegungsimpulse eines Kindes korrigierend bewerten zu müssen. Wenn jemand noch ein unverfälschtes und unfehlbares Gespür für seinen Körper hat - dann ein Kind. Einem Kind, was Freude am Laufen hat und jede Gelegenheit zum Gehen nutzt zu sagen, es solle lieber mehr Zeit im Rollstuhl verbringen - da fällt mir nicht mehr viel ein. Ausgerechnet das Gehen - eine der fundamentalsten menschlichen Bewegungen überhaupt. Etwas besseres könnte dieses Kind sich im Moment kaum ausgesucht haben.

Das heißt nicht, dass es immer ein Zuckerschlecken ist. Natürlich ist es auch anstrengend, und mein Sohn wird Zeit brauchen, um sich an sein neues Gehpensum zu gewöhnen. Eine Weile wird er das sicherlich auch in der Schule merken. Ich halte diese Weile für sehr gut investierte Zeit.

Ich hoffe, dass wir als Eltern dieses Hintergrunddrama so gut wie möglich abfangen und dafür sorgen können, dass unser bewegungs-freudige Sohn in Zukunft in seinen Schritten bedingungslos ermutigt und unterstützt wird. Schade nur, dass das offenbar nicht überall eine natürliche Reaktion auf seine bewundernswerten Fortschritte ist.

 

 

65 - Wenn dann doch mal was passiert.

Wenn man über Bewegung und (Kindes-)Entwicklung spricht, gibt es für mich ein Riesenthema:

Der Bewegungsradius. D.h. die Fläche/Raum, innerhalb derer/dessen ein Kind sich ohne Beaufsichtigung bewegen, hinfallen und sonstwie bewegungsmäßig ausprobieren darf.

Ich finde es superwichtig, dass dieser Radius sich am Kind orientiert - und nicht etwa nach starren Alterskategorien oder an den Ängsten der Eltern. Auch mit meinem Sohn lebe ich das so - der Impuls zur Vergrößerung kommt immer von ihm, und meine Rolle sehe ich höchstens darin, ihm aus dem Hintergrund heraus kleine Sicherheitsnetze anzubieten.

So ist er bereits in der ersten Klasse zum ersten Mal alleine mit im Rollstuhl ca. 1,5km zur Schule gefahren; oder auf einen Spielplatz, der ein paar Straßen weiter liegt; und vor ein paar Monaten, mit acht Jahren, hat er das erste Mal mit seinen Gehstöcken einen kleinen Einkauf erledigt. All diese Aktivitäten gingen von ihm aus; ich bin einfach z.B. die ersten Male mit Abstand auf dem Fahrrad hinterhergefahren, oder wir haben vereinbart, nach welcher Zeit ich ihm beim Einkaufen entgegengehen würde. Später hatte er dann ein Handy, mit dem er notfalls anrufen konnte.

Manchmal ist das natürlich aufregend, wenn solche Radien sich vergrößern. Aber für mich ist das eine der wichtigsten Erfahrungen für ein Kind - dass es sich in solche neuen Situationen, ohne eine direkte Bezugsperson wagt und dabei merkt, was es alles schaffen kann. Dass sein Umfeld ihm wohlgesonnen ist. Das Fremde helfen, wenn man sie anspricht. Ich finde diese Freiheit viel zu wichtig, als dass ich sie den üblichen es-könnte-ja-was-passieren-Ängsten opfern würde. Und ich habe bereits zuvor geschrieben, wie wichtig ich das insbesondere für Kinder mit Behinderungen finde - die ja tendenziell eh noch viel mehr überbehütet werden.

Darüber kann man natürlich wunderbar schreiben und reden und dabei mit dem Kopf nicken - aber diese ganze Haltung ist nur genauso viel Wert wie die Reaktion, wenn dann wirklich mal etwas passiert.

Wie gestern.

Mein Sohn wollte unbedingt mal wieder einen kleinen Einkauf machen - da noch genügend Zeit war, ließ ich ihn vor dem Abendessen mit seinen Gehstöcken losmarschieren.

Als etwa 40min später das Handy klingelte (ich hatte ihm für Hin- und Rückweg mit Puffer etwa 60min zugedacht), hatte ich schon irgendwie so eine Ahnung. Er war selbst dran. Ein wenig aufgeregt erzählte er mir, dass er auf dem Rückweg gestürzt war, sich die Lippe aufgeschlagen hatte, und eine Frau gerade den Notarzt gerufen habe. Nachdem ich erfahren hatte, wo er war (nur zwei Häuser weiter von uns), rannte ich los. Als ich ankam, war er von drei total fürsorglichen Nachbarn umgeben, und die heftige (Nasen!-)Blutung bereits gestillt. Er war sichtlich erschrocken, aber in keiner Weise ungewöhnlich.

Es blieb nicht viel zu tun. Ich war einfach für ihn da, sprach ruhig mit ihm, versuchte herauszufinden wie er gestürzt war, ob er Schmerzen hatte. Natürlich war ich ziemlich bewegt, aufgeregt, und mit Tränen in den Augen. Aber meine Botschaft in all dem an ihn war: Es ist ok; so etwas kann passieren. Das ist Teil des Lebens, des Bewegens, und der Wege, auf die man sich wagt.

Der Krankenwagen kam, aber ich hatte bereits den Eindruck, dass mein Sohn keine schwerwiegenden Verletzungen hatte. Die Sanitäter checkten die Nase, und überließen es meinem Gespür, was ich für nötig hielt. Zusammen brachten wir ihn nach Hause, wo er zu Abend aß und dann sehr bald in einen tiefen Schlaf fiel. Am Tag darauf waren der Schreck ganz, und die Schmerzen weitgehend verschwunden.

Da es das erste Mal war, dass ihm so etwas alleine passiert war, fragte er natürlich, ob er denn in Zukunft trotzdem wieder alleine irgendwo hingehen dürfe. Ich sagte ihm, dass er GERADE heute gezeigt habe, wie gut er mit Unvorhersehbaren umgehen kann; wie gut er sich zu helfen weiß, wenn etwas passiert; und wie super sich auch alle Beteiligten verhalten und ihm geholfen haben.

Natürlich wird er wieder losgehen dürfen, wenn er wieder so weit ist. Er hat mir gestern im Grunde nur bestätigt, dass ich mir um ihn keine Sorgen zu machen brauche. Auch wenn wieder etwas passiert.

Ich hoffe, dass er seinen Bewegungsradius weiter erforschen und seine Grenzen in seinem ganz eigenen Tempo herausfordern wird - und wünsche es allen Kinder auch. Was für eine kraftvolle und selbstkompetente Generation da heranwachsen könnte.