Haltung

12 - Die Crux mit Bewegungs- (und Haltungs-)idealen

Unzählige Menschen, Schulen, Konzepte und Blogs beschäftigen sich damit, wie er denn eigentlich aussehen muss, der Körper, um als optimal ausgerichtet zu gelten. UND - wie er sich denn eigentlich genau bewegen muss, damit es nicht langsfristig zu Verschleißerscheinungen kommt.

Es werden Referenzpunkte definiert, die in einer bestimmten Beziehung zueinander stehen müssen, damit alles gut wird.

Dieses Bild stammt aus einem Blogpost von Katy Bowman - der gesamte Artikel findet sich hier: http://www.katysays.com/alignment-matters/

Dieses Bild stammt aus einem Blogpost von Katy Bowman - der gesamte Artikel findet sich hier: http://www.katysays.com/alignment-matters/

Und das ist wunderbar. Ich wünschte, dass mehr Menschen von all diesen Erkenntnissen wüssten - wie einfach es sein kann, schwerwiegenden chronischen und akuten Beschwerden vorzubeugen, bestehende zu rehabilitieren, und Operationen zu vermeiden. (Daher mein Tipp: Nach jeder sonstigen neuromuskulären Diagnose erstmal zu einem guten Körpertherapeuten (Rolfer, Osteopath, entsprechend ausgebildete Physiotherapeuten), dessen Arbeit darin besteht, entweder mit manuellen Techniken oder über Bewegungsansätze den Körper wieder gescheit auszurichten.)

Aber es gibt da eine Crux - eine kleine Schwäche an diesen biomechanischen Betrachtungsweisen.

Sie gehen davon aus, dass ein Körper sich überhaupt in eine optimale Ausrichtung bringen LÄSST (und zwar in endlicher Zeit).

Die zweite, davon abgeleitete Annahme: Dass ein Körper in einer optimalen Ausrichtung sein MUSS, um langfristig Beschwerden zu vermeiden.

Wenn ich nicht zufällig einen Sohn hätte, der seit Geburt eine körperliche Behinderung hat - wäre ich beiden Annahmen wahrscheinlich begeistert lebenslang gefolgt.

Stattdessen hat mich seine Behinderung über die Jahre dazu geführt - insbesondere seit dem ich selbst seine "Therapie" (eher Bewegungstraining) übernommen habe - beide Annahmen von Grund auf herauszufordern:

  1. Nicht jeder Körper lässt sich in die gewünschte Form bringen. Punkt. Das kann an zentralnervösen oder Stoffwechsel-Erkrankungen liegen, Amputationen, sehr hartnäckigen Rekrutierungsmustern oder sonstigen strukturellen Deformationen.
  2. Eine Abweichung von der optimalen Ausrichtung muss nicht zwangsläufig zu Beschwerden führen. Im Gegenteil: Manchmal kann auch die Pathologisierung der Abweichung und das ständige dran Rumdoktorn zum eigentlichen Problem werden.

Oder anders gesagt: Das Konzept einer optimalen Ausrichtung teilt Körper in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft auf: 1) Die optimal Ausgerichteten und diejenigen, die es potentiell sein könnten und 2) denen einfach nicht zu helfen ist.

DAS bildet unsere körperlich immens heterogene Realität aber absolut nicht ab!

Mein Alternativ-Modell:

  1. Optimale Ausrichtung (egal ob es um Haltung oder Bewegung geht) darf sich nicht an irgendwann vielleicht erreichbaren Idealen orientieren - sondern muss inkrementel, basierend auf dem jeweils aktuellen Zustand des Menschen, immer wieder neu definiert werden. Und das gilt für alle - ob gesund, krank, oder mit Behinderung. Denn eine optimale Ausrichtung ist nie abgeschlossen; wie Feldenkrais schon sagte, man kann die eigene Wahrnehmung immer weiter verfeinern - und damit auch die Art, sich zu bewegen.
  2. Beschwerden sind nicht dadurch zu vermeiden, dass man eine optimale Ausrichtung schafft - sondern dadurch, dass man in der jeweils aktuellen Ausrichtung ein möglichst vielseitiges Belastungs-(=Bewegungs-)profil schafft.

Es ist dies auch der Versuch, eine inklusive Sicht auf Gesundheit zu schaffen. Es entfällt die Trennung zwischen normal/behindert, oder funktionell/dysfunktionell - stattdessen gibt es ein kontinuierliches Spektrum von schwerst mehrfach behindert bis Superman. Die meisten Menschen liegen irgendwo dazwischen. Und es ist absolut egal, wo man sich befindet - man kann genau dort anfangen, und sich im Rahmen seiner individuellen Möglichkeiten bewegen, besser ausrichten, und die eigene Aktivitätsbandbreite entdecken.

Es entfällt auch die Trennung zwischen Therapie und Training, die Stigmatisierung und die Kompetenz-Hoheit von Ärzten, Therapeuten und anderen diagnostizierenden und therapierenden Fachleuten.

Ich gebe zu - ein gewagtes Ideal von Körper und Gesundheit. Ein Paradigmenwechsel.

Nach der aktuellen orthopädischen Verlaufskontrolle wissen wir: Mein Sohn hat sich in den letzten Jahren über alle Prognosen hinaus entwickelt. Ja, es gibt schon noch die ein oder andere Baustelle (hm - eigentlich nur eine) - aber für die Art von Behinderung, die er hat, verdammt wenige. Und das, obwohl wir komplett aus den in seinem Fall üblichen Therapieansätzen herausgenommen haben.

Er ist trotzdem bei Weitem nicht optimal aufgerichtet, zumindest wenn man den gängigen Ansätzen folgt. Er kann noch nicht mal frei stehen. Wie richtet man jemanden aus, der nicht stehen kann? Oder jemanden, dem ein oder beide Beine fehlen? Jemand, der aufgrund von Muskelschwäche oder deformierten Knochen bestimmte Körperbereiche nicht mehr ansteuern kann?

Das wird nur funktionieren, wenn wir über die Grenzen der heutigen Bewegungs- und Haltungsideale hinausdenken; jeden körperlichen Ausgangszustand akzeptieren, ohne ihn zu pathologisieren - und offen bleiben für das, was am Ende möglich wird.

Sind wir alle von (Schlaf-)Kissen abhängig? Die Geschichte eines Entzugs.

Wenn jeder Moment unseres Alltags ein Trainingsreiz ist - dann gibt es etwas in unserem Leben, das im Grunde einem Kraftmehrkampf-Ultramarathon entspricht:

Unser Schlaf.

Ein Riesen-Trainingsvolumen: hohe Frequenz (täglich!, manchmal mehrfach am Tag), hohe Umfänge (irgendwo zwischen 6 und 10 Stunden pro Tag). Davon abgesehen versetzt uns der Schlaf in ein besonders empfängliches zentralnervöses und hormonelles Aktivierungsprofil (think: Lern- und Regenerationsvorgänge), welches besonders sensibel auf Haltungs- und Bewegungsmuster reagiert. (Das wäre dann nochmal Stoff für einen separaten Blogpost.)

Die Frage ist jetzt: Was machen wir denn so in all dieser massiv-großen Schlafzeit? Welche Haltungen und Bewegungen trainieren wir?

Und das war genau die Frage, die ich mir Anfang letzten Jahres stellte - auch als Teil meines "Wohnzimmer-zu-Lebensraum"-Umbaus (über den ich vor Kurzem hier auf der Beyond Training Facebookseite geschrieben hatte).

Konkreter wurde daraus schließlich genau eine Frage: Warum schlief ich eigentlich auf einem Kissen? Und daraus, ebenfalls angeregt durch einen von Katy Bowmans Artikeln, eine Herausforderung: Ging es auch ohne, und mit welchen Konsequenzen?

Smartphone anschauen vs Schlafen. Die Darstellung/Analogie ist natürlich stark vereinfacht, da die Schwerkraft in beiden Fällen nach unten wirkt, und damit die Lastprofile und Krümmungen im Liegen anders sind als im Stehen. Trotzdem, in einem reduzierten biomechanischen Modell drückt das Kissen den Kopf-Nacken-Schulter/BWS-Komplex in ähnlicher Weise nach vorne wie die Handy-Interaktion. Was ich damit auch sagen will: Während wir uns um ersteres n ziemlichen Kopf machen, nehmen wir letzteres jede Nacht ohne Weiteres in Kauf. Kissen, anyone?

Smartphone anschauen vs Schlafen. Die Darstellung/Analogie ist natürlich stark vereinfacht, da die Schwerkraft in beiden Fällen nach unten wirkt, und damit die Lastprofile und Krümmungen im Liegen anders sind als im Stehen. Trotzdem, in einem reduzierten biomechanischen Modell drückt das Kissen den Kopf-Nacken-Schulter/BWS-Komplex in ähnlicher Weise nach vorne wie die Handy-Interaktion. Was ich damit auch sagen will: Während wir uns um ersteres n ziemlichen Kopf machen, nehmen wir letzteres jede Nacht ohne Weiteres in Kauf. Kissen, anyone?

Mir war schon eine ganze Zeitlang zuvor das Kissen ein wenig zu einem Dorn im Auge geworden. Zum Beispiel habe ich mich gefragt, warum die Vorwärts-Abweichung des Kopf-Nacken-Schulterkomplexes durch Smartphone-/Tablet-/Computer-Gebrauch schon seit Langem ein Hot Topic in der Welt der Orthpädie und Haltungskorrektur war - während wir nachts stundenlang mit einem nach vorne aufgepropften Kopf daliegen (zumindest bei Schlaf auf dem Rücken). Da ich außerdem sehr viel zwischen allen drei (Haupt-) Schlafpositionen (Rücken/Seite/Bauch) wechsele, war mein Kissen irgendwie immer überfordert. Insbesondere das Schlafen auf dem Rücken auf einem Kissen hinterließ irgendwie zunehmend Anspannung und Diskomfort.

Es ist übrigens, meiner Recherche nach, relativ unmöglich, eine wissenschaftlich gut begründete Position in diesem Thema einzunehmen. Es gibt meines Wissens keine sauberen Studien, die das Schlafen ohne Kissen untersuchen. Mit meiner Erfahrung des letzten Jahres kann ich auch annehmen: Es wäre schwierig eine solche Studie zu designen, da weder ein double-blind- noch ein crossover-design sinnvoll zu realisieren wären, oder höchstens über sehr lange Zeiträume (da die Anpassungsvorgänge mehrere Monate brauchen). Auch eine Modellierung ist nicht ganz ohne, da sie sehr stark von den Materialeigenschaften der Schlafunterlage abhängt, und diese sehr variieren kann. Aus biomechanischer Plausibiliät weist Katy Bowman (und die sehr wenigen anderen, die sich hier, hier oder z.B. hier editoriell mit dem Thema beschäftigt haben) darauf hin, dass das Kissen (ähnlich wie Schuhwerk) eine Art Orthese, in diesem Falle für den Hals-/Brustwirbel-Bereich, darstellt, und damit eigentlich der Dekompression der Wirbel- und umliegenden Strukturen und natürlichen Ausrichtung/WS-Krümmung im Wege steht (bzw liegt). Der Gebrauch des Kissens sei eine rein kulturelle Entwicklung, persönliche Präferenz und Gewöhnung; keine biomechanisch sinnvolle und erst recht nicht notwendige.

Klar - das wolle ich am eigenen Leib erfahren.

Mein erster ernstzunehmender Versuch, eine Nacht ohne Kissen zu verbringen, sagte mir im Nu eins: Ich war durch und durch dran gewöhnt, mit meinem Kopf-Nacken-Schulter-Bereich auf einer Erhöhung zu schlafen. Meine Schlafposition war davon geradezu abhängig, und ohne hatte ich erstmal das Gefühl, dass mein Kopf nach unten hing. Und mir Schmerzen bereitete. Von heute auf morgen würde es also definitiv nicht gehen. Es war interessanterweise nicht so sehr die geänderte Kopfposition, die das Liegen ohne Kissen beschwerlich machte - sondern der auf einmal stark erhöhte Druck auf den Kopf, an der Stelle, an der er auf der Matratze auflag.

Also doch Schritt für Schritt. In 10 Schritten:

1) Ich begann damit, dass ich ein flacheres Kissen nutzte.

2) Der nächste Schritt bestand darin, dass ich mein Kissen halbierte - d.h. von den in Deutschland üblichen 80cm x 80cm Kissen wechselte ich auf 40cm x 80cm und nochmal etwas flacher. Nach einigen weiteren Wochen/Monaten begann ich 3) - 9) mir über weitere Monate hinweg einfach irgendwas zunehmend weicheres und immer kleineres unter den Kopf zu legen (Schals, Tücher etc.), bis ich 10) auch das weglassen konnte.

Insgesamt dauerte dieser "Entzug" für mich etwa ein halbes Jahr.

Das Ergebnis: Sehr wohltuend. Ich finde das Schlafen ohne Kissen deutlich angenehmer als das Schlafen mit Kissen davor. Der Kopf fühlt sich jetzt stimmig zum Körper ausgerichtet an. Aber: es hat auch seine Zeit gebraucht. Während der ersten Monate hatte ich zwischenzeitlich Beschwerden im BWS-Bereich - bei denen ich nicht ausschließe, dass sie mit Anpassungsvorgängen durch die geänderte Schlafposition zusammenhingen. (Oder mit all den anderen neuen Sachen, die ich zur gleichen Zeit ausprobierte. Kausalitäten zu erkennen ist eine Kunst für sich.)

Einschränkung: Ich benutze das 40cm x 80cm Kissen immer wieder noch beim Schlafen in Seitlage. Manchmal auch nicht - hängt von der Tagesform ab.

Schlafen, wherever. (Photo Credits  Björn Láczay  " Toni am Feldkogel ", unter    CC BY-SA 2.0   )

Schlafen, wherever. (Photo Credits Björn Láczay "Toni am Feldkogel", unter CC BY-SA 2.0)

Insgesamt macht mich das kissenlose Schlafen flexibler, d.h. ich kann auf verschiedenen Unterlagen besser eine bequeme Liegeposition finden.

Und noch etwas. Ich finde es ist immer ein erhabendes Gefühl, wenn man wieder ein (Körper-)Gadget weniger im Leben braucht. Die Krücken wegschmeißen, sozusagen, oder die Stützräder abschrauben kann; und der Körper wieder in irgendeinem kleinen oder großen Aspekt zu seiner inherenten Stärke und Belastbarkeit gefunden hat.

Auch meinem Sohn (8 Jahre) habe ich weitgehend das Kissen entzogen. Ist euch, sofern ihr Eltern seid, schon mal aufgefallen, dass Babys ohne Kissen schlafen, und dass man irgendwann das Kissen dann einbaut oder die Kinder danach fragen, weil man selbst eins hat? Mein Sohn hat noch ein superkleines (ich glaube ca 30cm x 60cm o.ä.) sehr sehr wenig voluminöses, was aber mittlerweile eher Deko ist. Auch er schläft in allen drei Schlafpositionen wunderbar ohne Kissen.

Fazit: Ich bleibe Kissen-frei. Allerdings, sofern man sein Leben lang bisher auf Kissen geschlafen hat, braucht die Anpassung sehr viel Zeit und zunehmende Progressionen - wie bei jedem Training. Das nächste wird sein, meine Matraze zu überdenken - die mir in der neuen Schlafposition eher ein wenig zu weich geworden ist.

Fazit II: Bevor man irgendetwas im Leben verändert, oder mit Haltungskorrekturübungen anfängt, sollte man erstmal schauen, was man auch quasi im Schlaf erledigen kann (auf diesen Satz habe ich mich schon den ganzen Artikel über gefreut).

Übrigens sollen die ersten Kissen entstanden sein, um den Kopf vom Boden, und damit von in Kopföffnungen krabbelnden Insekten, zu entfernen. Frühe Kissen waren hart - Holz, Stein. Historisch begleiten uns Kissen also schon lange, wenn auch nicht in der heute üblichen Fluffigkeit.

Es bleibt vielleicht noch die visuelle Abhängigkeit: so ein Bett mit Kissen sieht ja schon besser aus als ohne. Also kein Grund, die Kissen gleich wegzuschmeißen - aber vielleicht einfach beim Schlafengehen als Dekokissen, oder zusätzliche Wärmequelle, ans Fußende zu verfrachten.

(Photo Credit Banner: Luc De Leeuw, "Pillows", unter CC BY-NC-SA 2.0)