Heilung

53 - Noch mehr unbekannte, spekatukäre Heilungen.

Ich muss zugeben: Das neue Doidge-Buch über die Veränderbarkeit und Heilungsmechanismen des Gehirns bringt mich regelmäßig zum Weinen.

Nicht so sehr wegen der auf Neuroplastizität beruhenden sensationellen Heilungserfolgen, die er sehr eingängig zusammengestellt hat. Sondern wegen der völligen Unbekanntheit dieser Erfolge und der dahinterliegenden Prinzipien. Und wegen der Hoffnungen, die jeden Tag, überall begraben werden - wenn die Prognose "nicht heilbar" lautet.

Weil diese Prognose, wie fast jede Seite dieses Buches illustriert - möglicherweise aus reiner Unwissenheit gemacht wird.

Das, was mich dabei zusätzlich berührt, ist die völlige Entmysthifizierung dieser Prinzipien und ihrer Erfolge. Das ist nicht eines von diesen sensationsheischenden Büchern, die irgendwelche skurrilen Fallstudien aufbauschen - sondern ein sehr gut recherchiertes Buch, welches die Heilungserfolge sehr nüchtern analysiert und über neuroplastische Mechanismen zu erklären versucht. Kein Woo-woo - sondern gut erarbeitete Fallstudien, wissenschaftliche Evidenz, soweit vorhanden, und plausible Modelle.

Und zwar auf ganz vielen physiologischen Ebenen - nicht nur in Bezug auf das Gehirn und das ZNS.

Zum Beispiel im aktuellen Kapitel: Die therapeutische Wirkung von schwachem Laserlicht, speziell im Rot- und Infrarot-Bereicht. Eine wahnwitzige Bandbreite von klinischen Indikationen. Bis heute dachte ich zum Beispiel, dass bei Arthritis außer einem künstlichen Gelenk nichts zu machen ist - falsch gedacht, durch Bestrahlung des Gelenkes mit eben solchen schwachen Lasern lässt sich Knorpel wieder aufbauen (!). Nicht heilende Wunden und Geschwüre heilen aus, und chronische Entzündungen egal wo im Körper verschwinden. Nix mit Esoterik: Die Wirkung beruht auf lichtempfindlichen Molekülen, die Teil jeder Körperzelle des sind. Schließlich auch im Gehirn, weswegen der Einsatz solcher Laser auch geschädigte (inaktive oder asynchron feuernde) Areale im Gehirn wieder reanimieren kann.

Interessanterweise sind diese Wirkungen seit den 1960er Jahren in den damaligen Ostblock-Staaten viel weiter verbreitet - im Westen sind sie nach wie vor eher eine Nische. Der erste therapeutisch in den USA eingesetzte (Schwach-)Laser wurde 2002 (!) zugelassen.

Natürlich weine ich auch, weil mir immer klarer wird, dass in Bezug auf den Zustand meines Sohnes bei Weitem noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. In meinen Tränen steckt eine Mischung aus Reue, nicht früher von all diesen Dingen erfahren zu haben und der Angst und Ungewissheit, ob sich durch mein neues Wissen wirklich etwas für ihn ändern kann. Und vielleicht ist hier ein sensibler Bereich, und ein weiterer Grund, warum solche vermeintlich überraschenden Heilungserfolge sich so langsam oder gar nicht ausbreiten. Es mag provokant klingen, aber: Es hat auch etwas sehr Komfortables, wenn man sich auf die Prognose "unheilbar" zurückziehen kann. Denn dann entfällt die ganze Mühe, mit der man weiterkämpfen, recherchieren, ausprobieren, herumreisen und lernen müsste. Eine Mühe, die voller Ungewissheit und Angst ist, und nicht mit Garantie für Erfolg daherkommt.

Ja, es ist verdammt anstrengend, an "Wunder" zu glauben und viel mehr noch auf sie hinzuarbeiten. Häufig ist es auch sehr einsam, wenn man den therapeutischen Mainstream verlässt und sich in komplexe physiologische Materie einarbeitet. Noch viel anstrengender ist die Geduld, die man für diese Recherchen und das Ausprobieren braucht. Vor allem wenn das eigene Kind dann doch nicht mitmachen mag, und man sich gemeinsam kleine Veränderungen überlegen muss.

Aber irgendwann kann man nicht mehr anders. Irgendwann überwiegt die Faszination über den menschlichen Körper. Vielleicht geht es dann auch gar nicht mehr so sehr um Wunder - sondern darum, einfach besser zu verstehen, was in diesem Körper so vor sich geht und was irgendwann mit ihm sein kann. Und dieses Wissen nach und nach weiterzugeben, immer mehr Menschen davon profitieren zu lassen. Doidges großes Können besteht zum Beispiel darin, hochtrabende medizinische Zusammenhänge in gut lesbare Sprache übersetzen zu können - und sie damit einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dafür bin ich dankbar - und werde gerne weiterhin, immer wieder, weinen.

 

47 - Ok der wahre Grund, warum effektive therapeutische Methoden unbekannt bleiben.

Im gestrigen Artikel schwang für mich etwas nach - etwas, was über die Idee hinausging, dem chronischen Schmerz die neuronalen Ressourcen zu entziehen.

Es hatte eher mit dem Ende des Artikels zu tun: Warum weiß eigentlich niemand im Alltag, in der therapeutischen Praxis - von all den bahnbrechenden Erkenntnissen und Erfolgen neuroplastischer Therapieansätze?

Komplexität hin oder her: Es gibt einen ganz bestimmten Grund dafür - den ich in meinem gestrigen Post noch nicht erwähnt hatte.

Interessanterweise - wurde er mir gleich im nächsten Kapitel von Norman Doidges neuem Buch geliefert.

Dieses zweite Kapitel - wieder so bahnbrechend. Ein Parkinson-Patient schafft es mit einer bestimmten Art von simplen, aber bewusst durchgeführten Gehen, sämtliche motorischen Symptome dieser Krankheit in den Griff zu kriegen. Wenn man bedenkt, wie Parkinson-Erkrankte sich normalerweise bewegen und zittern - ein absoluter Hammer.

Nun könnte man meinen, dass seine Entdeckungen einen Siegeszug durch die Parkinson-Gemeinde feiern müssten. Und tatsächlich sah es zunächst ganz danach aus: Er fängt an, sich an Parkinson-Gruppen in seinem Heimatland zu wenden, engagiert sich dort, und kann seine eigenen Erfolgen auch auf andere Patienten übertragen.

Aber dann.

Irgendwann beginnt es, in eben jener nationalen Parkinson-Community zu grummeln. Ärzte, die ihn nicht auch nur im Entferntesten untersucht haben, fangen an zu verbreiten, dass er gar kein echtes Parkinson habe, sondern nur Parkinson-ähnliche Symptome. Sein Buch, das auf seinen Heilungserfolgen beruht, wird in der Community unterminiert. Er wird dazu gedrängt, sein Engagement in der Community aufzugeben.

Die Leute nehmen ihm nicht ab, dass er mit dem simplen Akt des Gehens etwas geschafft haben könnte, was kein sonst eingesetztes Medikament geschafft hat. Es ist als wollten sie es nicht wahrhaben.

Ich musste an die Situation mit meinem Sohn denken, in der ich regelmäßig so etwas erfahre. Zum Beispiel erst dieses Jahr: Im Frühjahr dieses Jahres waren wir bei einem Orthopäden - zum ersten Mal, auf Empfehlung (ich bin immer auf der Suche nach Ärzten, die das große Bild sehen wollen und nicht nur die einzelnen Körperteile meines Sohnes - was sehr selten zu finden ist). Er untersuchte meinen Sohn, und bei der Anamnese gab ich an, dass mein Sohn schon seit zwei Jahren keine konventionelle Physiotherapie mehr erhalte und ich selbst mit ihm arbeite.

Der Arzt - verschrieb Physiotherapie und bestellte uns ein halbes Jahr später wieder ein.

Das Ergebnis der zweiten Kontrolle war selbst für mich besser als erwartet. All die Anfälligkeiten, die bei Zerebralparesen auftauchen können - kein Problem (allein die Füße sind auffällig - da muss ich mir noch was Gutes überlegen). Der Rücken kräftig, keine Kontrakturen in den Beinen, Knie- und Hüftgelenke absolut in Ordnung.

Natürlich hatten wir das Physiotherapie-Rezept nicht genutzt. Natürlich hatten wir einfach so weitergemacht wie vorher.

Der Punkt war: Der Arzt hat NIE, an keiner Stelle, danach gefragt. Weder hat er gefragt, ob mein Sohn in der Zwischenzeit physiotherapeutische Sitzungen bekommen hatte - noch, was wir sonst so mit ihm machen.

Warum wollte er das nicht wissen? Wenn ein Kind in einem für seine Behinderung bemerkenswert guten Zustand daherkommt - warum will ich als Arzt nicht herausfinden, woran das liegen könnte?

Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen; ich kann lediglich spekulieren.

Meine Erfahrung zeigt mir, dass Ärzte sich nicht besonders wohl damit fühlen, ihre Patienten als Partner zu akzeptieren; insbesondere dahingehend, um mit ihnen gemeinsam an therapeutischen Lösungen zu arbeiten. Die meisten mögen es nicht, wenn man ihr medizinisches Weltbild herausfordert - insbesondere, wenn man mit einfacheren Mitteln als den allgemein ärztlich akzeptierten daherkommt. Ich erlebe es oft, das Ärzte mich am liebsten wie ein Kind behandeln, das am besten nicht zu viel erzählen und lieber ihren "Verordnungen" folgen soll.

Und in genau dieser Problematik bleiben meiner Vermutung nach viele revolutionäre neue Therapieansätze stecken.

Das ist bitter.

Man könnte es schulterzuckend als Teil des Lebens hinnehmen - wenn nicht so wahnsinnig viel auf dem Spiel stehen würde. Die meisten Arzt-Patienten-Beziehungen sind nicht nur suboptimal - sie sind ein Skandal.

Nun ist es nicht so, dass nicht auch Patienten ihren Anteil daran haben - auch in dem von Doidge beschriebenen Parkinson-Fall ging der Widerstand zu einem großen Teil von den Erkrankten aus. Viele Patienten sind verängstigt, wenn sie mit Diagnosen und Prognosen konfrontiert werden - und wissen oft nicht anders, als einem Halbgott in Weiß zu folgen.

Daher haben beide Seiten die Chance, sich zu bewegen: Patienten müssen aus der Opferrolle herauskommen und anfangen, sich in den für sie relevanten Bereichen medizinisch zu informieren und Expertise aufzubauen. Jeder ist per se der beste Experte für sich selbst - diese Haltung braucht es.

Ärzte dürfen sich von dem Druck befreien, auf alles eine Antwort haben zu müssen. Eine partnerschaftliche Zusammenarbeit und die Ermutigung, dass der Patient durchaus sehr viel Kompetenz für sich selbst mitbringt, kann einem Arzt das Leben deutlich einfacher machen. Warum z.B. einem Patienten nicht mal Literatur über seine Krankheit mitgeben, oder ihn mit einer wissenschaftlichen Recherche beauftragen.

Einfach weil so wahnsinnig viel auf dem Spiel steht - und damit nicht noch mehr Heilungspotential irgendwo unnötig stecken bleibt.

 

18 - Der Fluch der Dauer-Pathologisierung

Körperliche Beschwerden, Krankheiten und Behinderungen sind nie etwas Absolutes. Sie sind vielmehr höchst relativ - relativ zur Vorgeschichte, zu früheren Prognosen, zum Umfeld, und sogar relativ zum Betrachter.

Das ist nicht etwa eine kontemplativ-philosophische Betrachtungsweise - sondern eine mit sehr heftigen alltagspraktischen Konsequenzen. Denn wenn ein Mensch mit einer Behinderung dauernd gesagt bekommt, was er nicht kann und dauerhaft in eine Armada aus therapeutischen Maßnahmen gedrängt wird - dann wird das irgendwann sein Bild von sich selbst prägen, und das, was er sich zutraut. Eine ständige Pathologisierung seines Zustandes kann ihn innerlich zerbrechen lassen - obwohl er vielleicht eigentlich sehr wohl ich der Lage wäre, auf seine Art ein relativ gutes und normales Leben zu leben.

Diese Differenzierung ist schwierig, weil - sobald man in der Diagnostik/Therapie/Förder-Mühle ist - insbesondere von medizinisch-therapeutischer Seite oft ein mehr oder weniger subtiler Druck entsteht, den man schwer ignorieren kann. Es schwingt immer so etwas mit, dass man unverantwortlich handelt, wenn man den Empfehlungen und Verordnungen der Ärzte nicht folgt. Es erzeugt unterschwellige Angst, ob man nicht später die eigenen Entscheidungen bereuen könnte.

Daher bin ich dankbar, ab und zu einen Moment lang schwarz auf weiß zu sehen, wie wichtig es ist, bei sich zu bleiben und sich solchen Pathologisierungsversuchen zu widersetzen.

Manchmal reicht ein Satz dafür.

Hier ist ein Auszug aus dem Arztbericht nach der letzten audiopädiatrischen (=HNO-Untersuchung, Hör-/Sprachtests) Verlaufskontrolle meines Sohnes im Frühjahr dieses Jahres:

Und hier ein Auszug aus seinem Jahreszeugnis, das er vier Monate später bekam:

Nein, hier hat keine Wunderheilung stattgefunden. In diesen vier Monaten hat er sich ähnlich entwickelt wie in, sagen wir, den vier Monaten zuvor.

Dies ist einfach ein Paradebeispiel für die Relativität seiner Behinderung:

  • Es war sein erster Besuch in dieser Audiopädiatrie - und es fand nur eine sehr oberflächliche Aufnahme seiner Vorgeschichte statt.
  • Die Ärztin, die den Brief verfasste, war lediglich kurz bei der HNO-Untersuchung und der sehr kurzen Abschlussbesprechung anwesend. Sie sah meinen Sohn also vielleicht etwa zehn Minuten - während dieser Zeit sprach er nur sehr wenig mit ihr (was ich total verstehen kann). Die Logopädin, die ausführlichere Sprachtests gemacht hatte, war bei der Abschlussbesprechung gar nicht zugegen.
  • Mein Sohn hat sehr spät überhaupt mit dem Sprechen begonnen - so richtig eigentlich erst mit Eintritt in den Kindergarten mit knapp vier Jahren. Zum Zeitpunkt der Untersuchung war er 8,5 Jahre. Das macht viel aus, wenn man seine Ergebnisse mit irgendwelchen Normen vergleicht, die darauf basieren, dass Kinder so richtig mit zwei ins Sprechen kommen. Oder sogar noch früher.
  • Man muss nicht perfekt sprechen, um problemlos mit anderen Menschen kommunizieren zu können. Ja, vielleicht muss der ein oder andere nachhaken - so what? Viel entscheidender ist, dass mein Sohn voller Selbstvertrauen spricht - und nicht durch Endlos-Therapien mit dem Gefühl aufwächst, bloß nicht den Mund aufmachen zu dürfen, weil ja eh alles falsch ist was er sagt.
  • Zur Therapieempfehlung (2x/Woche Logopädie!): Evidenz von Logopädie bei zentralnervösen Behinderungen? Das Problem ist, dass Ärzte und Therapeuten häufig einem Diagnose- und Therapieprotokoll folgen, dass sich aus welchen Gründen auch immer (oft sogar länder-spezifisch) etabliert hat. Diese Entscheidungsbasis bleibt damit undurchsichtig, weil Evidenz oder andere plausible Erklärungen im Grunde nicht gegeben werden können. Trotzdem kommt alles im Brustton der Überzeugung, was es insbesondere für uninformierte Patienten schwierig macht.
  • In der Schule sind die Sprachdefizite meines Sohnes - einfach kein großes Problem! Das heißt konkret: Ja, die Aussprache ist manchmal nicht so deutlich; ja, manchmal haut vielleicht ein Satzbau nicht ganz hin; aber das hindert ihn nicht daran, sprachlich in einer für ihn wunderbaren Weise am Unterricht und Schulleben teilnehmen zu können. Weil er trotz seiner Schwächen selbstbewusst spricht. Weil seine Mitschüler und Lehrer sich mit der Zeit an seine Aussprache gewöhnen und ihn ermutigen.
  • Wenn man bedenkt, wie spät er mit dem Sprechen begonnen hat, und was er für Prognosen hatte - dafür ist sein Sprechen phänomenal.

Wie anfangs gesagt - alles relativ. Und nochmals: Die Diskrepanz dieser zwei Dokumente ist kein Kavaliersdelikt. Wie vielen Kindern, und auch Erwachsenen, wird eine Normalität verbaut, weil man ihnen ständig ihre Abweichung von der Normalität unter die Nase reibt....

Ich wünsche mir eine Welt, in der Menschen mit Krankheiten und Behinderungen, und ihre Angehörigen, nicht verunsichert und in einen lebenslangen Therapie-Marathon geschoben werden - sondern ein Umfeld finden können, in dem sie so, wie sie sind, angenommen und gestärkt werden.

 

Beyond Training Podcast Episode 1! präsentiert Brooke Thomas (Certified Rolfer, Liberated Body)

Ich LIEBE es, mit interessanten Menschen, die ihre ureigenen Wege beschreiten, spannende Gespräche zu führen. Und was gäbe es Besseres, als diese Gespräche HIER mit euch zu teilen?

WILLKOMMEN zur ersten Episode des Beyond Training Podcasts!

Für diese Premiere bin ich super dankbar für die Zusage von Brooke Thomas. Brooke und ich kennen uns noch aus meiner Zeit bei der European Rolfing Association, wo ich sie für einen Vortrag bei einer Rolfing-Konferenz gewinnen konnte. Seither verfolge ich ihre Arbeit mit viel Respekt und Interesse - und wenn ihr unserem Gespräch zuhört und mehr über sie erfahrt, wisst ihr warum. Sie ist zertifizierte Rolferin, MovNat- und Yoga TuneUp-Trainerin und eine der meistbelesensten, erfahrenen, neugierigen und reflektierten Körper- und Bewegunstherapeutinnen, die ich kenne!

Zum Einstieg in diese Podcast-Serie sprechen wir über eher grundsätzliche Themen: Wie geht man eigentlich vor, wenn man nach einem Weg zu Gesundheit und Besserung sucht; gibt es eigentlich Wunderheilungen?; Thema Sport, Job und Leistungsfähigkeit: der frappierend häufige Faktor, der Behandlungserfolgen oft im Weg steht; und wie man vielsitzende Schulkinder in Bewegung halten kann.

Enter Brooke.

(Deutsche Zusammenfassung und Links weiter unten!)

Zusammenfassung:

Ich stelle Brooke, unsere Gemeinsamkeiten, und ihr neuestes Baby vor: Das Portal Liberated Body. Ich verstehe es als eine Art Tor zu und Orientierungshilfe in der großen Welt von Methoden und Praktizierenden im Bereich der komplementären und alternativen Heilmethoden.

Brooke erklärt, dass die Idee zu dem Projekt gekommen ist, als sie auf verschiedenen Rolfing-Konferenzen vorgetragen hat und immer wieder die Frage bekam, warum eigentlich keiner all diese guten Methoden wahrnimmt. Sie wollte daher etwas schaffen, was der breiten Öffentlichkeit den Zugang zu dieser Welt vereinfacht.

Ich frage sie: Wie genau stellt man das denn an, wenn man jenseits von Arztbesuchen und konventionellen/Schulmedizinischen Methoden einen Weg zur Heilung/Gesundheit finden will? Gibt es einen systematischen Zugang?

Brooke glaubt nicht an eine Systematik sondern daran, dass Menschen überhaupt erstmal lernen müssen, was Ganzheitlichkeit eigentlich bedeutet. Dass es nicht notwendigerweise immer weiter abwärts gehen muss, wenn man erstmal ein bestimmtes Alter erreicht hat. Wie wichtig es ist, irgendwo anzufangen und dann auszuprobieren, was passt und was nicht. Und dass ihr Portal den Weg lediglich vielleicht ein wenig verkürzt, weil es dort einen Überblick über eine große Anzahl von Methoden gibt.

Ich bemerke, dass oftmals Ärzte ganzheitliche Methoden nicht unbedingt aus Skepsis übersehen, sondern weil sie oftmals gar nicht wissen, was eigentlich alles möglich ist. (Als Beispiel: Selbst bei einer einfachen Nebenhöhlenentzündung kann man z.B. mit Körperarbeit im Bereich der oberen Atemwege sehr viel lösen - Ärzte aber normalerweise abschwellende Sprays verschreiben). Brooke weist hin, dass Ärzte per se darauf trainiert sind, in separaten Teilen und Symptomen zu denken (und wir sind uns einig, dass das auch seinen Platz hat!). In ihrer Erfahrung werden Erfolge durch manuelle Behandlungen häufig als Zufall abgetan - sie wünscht sich mehr Ärzte, die solchen Erfolgen interessiert nachgehen.

Wir sprechen über "Wunder", also unerwartete Behandlungserfolge. Brooke erlebt diese immer wieder und sieht sie aber sehr praktisch: Sie weist auf all die unzähligen Prozesse im Körper hin, die prinzipiell immer das Potential für Behandlungserfolge haben. Ich stimme ihr zu und erzähle von meinen Reflektionen der letzten Monate - dass hinter "Wundern" im Grunde immer das Zentrale Nervensystem steht, als die sich selbst und die anderen Körpersysteme regulierende Instanz. Und dass wir bei allen wissenschaftlichen Erkenntnissen immer noch bei weitem nicht alles über die Funktionsweise des ZNS wissen. Dass es oft darum geht, auszuprobieren und zu experimentieren - auch wenn diese Suche manchmal frustrierend sein kann.

Brooke wirft ein, dass man in diesem Zusammenhang aufpassen muss, sich nicht in dem Wunder-Wunschdenken zu verlieren - im Sinne, dass man ja schon geheilt wäre, wenn man nur ein besserer Mensch, erleuchteter wäre und sich ein wenig mehr anstrengen würde. Sie meint, dass man die Offenheit für Behandlungserfolge immer ausbalancieren muss mit einem Annehmen der Realität.

Ich lenke unser Gespräch vom Bereich der Heilung zum Thema körperliche Leistungsverbesserung, sei es in einer bestimmten Sportart, oder in bestimmten Facetten wir Mobilität, Balance. Wir kommen sehr schnell auf eine interessante Beobachtung: Brooke erzählt, dass sie in der letzten Zeit wahnsinnig viele Menschen mit hormonellen Dysfunktionen (sie spricht von "adrenal/thyroid burnout" - d.h. eine Deregulierung/Dysfunktion von Schilddrüse und Nebennieren) in ihrer Praxis hat. Einerseits betrifft das übertrainierte Sportler, die einfach kontinuierlich über ihre Grenzen gehen, aber andererseits allgemein das Thema Burnout aufgrund des heutigen Lebensstils: Fehlende Erholung, unausgewogene Ernährung, zu viel Arbeit an Bildschirmen und damit Lichtverhältnisse, die den Biorhythmus durcheinanderwerfen, immer der Druck, etwas erreichen zu wollen. Sie sagt, dass diese Menschen mit dieser Art von hormoneller Deregulierung die Impulse von manuellen Behandlungen gar nicht in ihrem Körper halten können - sondern zunächst mal ihre Substanz wieder aufbauen müssten (mit Hilfe von z.B. naturheilkundlich arbeitenden Ärzten, Akupunktur etc.).

Ich füge hinzu, dass es diese Population von High-Achievern im Beruf gibt, die oben drauf auch noch wahnsinnig ehrgeizig sportlich aktiv sind, und wie hier die Gefahr dieses hormonellen Auslaugens extrem groß ist. Wir reflektieren, dass wir beide ebenfalls zu diesem "Doppelachieven" tendieren und Brooke sagt, dass sie ihr Wissen über diese Zusammenhänge, wie so häufig, aus ihren eigenen Erfahrungen gewonnen hat.

Wir sind uns aber auch einig, dass es wichtig ist, auch mal an die eigenen Grenzen zu gehen und zu spüren, zu was man in der Lage ist, und nicht immer nur auf achtsam und vorsichtig zu machen. Alles eine Frage der Dosis und des Ausgleichs.

Letztes Thema: Brooke hat wie ich einen achtjährigen Sohn in der 2. Klasse, und wir beschäftigen uns beide viel mit dem Thema Sitzen in der Schule. Ich frage sie, wie sie denn damit umgeht, dass ihr Sohn so viel stillsitzen muss. Sie erklärt, dass man aufgrund der Eigenheiten des US-Schulsystems nicht viel Möglichkeiten hat, etwas zu ändern, und dass sie als eher konflikt-vermeidender Mensch für sich entschieden hat, selbst einen Weg zu gestalten. Ein Teil davon: Sie geht mit ihrem Sohn jeden Tag vor der Schule und nach der Schule in den Wald - zum Spazieren, klettern, springen, laufen. Sie hat mit der Klassenlehrerin besprochen, dass ihr Sohn bei bestimmten Aufgaben auf dem Boden sitzen darf und dass es häufiger Trinkpausen zum Aufstehen gibt - und andere Kinder folgen ihm dann häufig. Außerdem wird sie wahrscheinlich im nächsten Schuljahr eine Bewegungs/MovNat-orientierte Stunde vor der Schule für eine ganze Gruppe von Kindern anbieten.

Ich erzähle von meinem für das zweite Halbjahr geplante Vorhaben: Mit der Klasse meines Sohnes eine Projektwoche gestalten, in der alle Stühle und Tische für eine Woche aus dem Klassenzimmer entfernt werden. Wie neugierig ich darauf bin, was die Kinder daraus machen werden. Wie dankbar ich bin, dass die Klassenlehrerin meinen Vorschlag mit Begeisterung aufgenommen hat. Dass das für mich einer dieser ersten kleinen Schritte ist, mit dem man solche neuen Themen unkompliziert anfangen und ausprobieren kann.

Ich danke Brooke für das Gespräch und wir vereinbaren, in einem Jahr ein Follow-up zu unseren Themen zu machen.

Ressourcen, Links:

Brookes Praxis: www.somahappy.com

Ihr "Baby" Liberated Body: www.liberatedbody.com

MovNat: www.movnat.com

Yoga TuneUp: www.yogatuneup.com

Seth Godin: www.sethgodin.com