Hinfallen

65 - Wenn dann doch mal was passiert.

Wenn man über Bewegung und (Kindes-)Entwicklung spricht, gibt es für mich ein Riesenthema:

Der Bewegungsradius. D.h. die Fläche/Raum, innerhalb derer/dessen ein Kind sich ohne Beaufsichtigung bewegen, hinfallen und sonstwie bewegungsmäßig ausprobieren darf.

Ich finde es superwichtig, dass dieser Radius sich am Kind orientiert - und nicht etwa nach starren Alterskategorien oder an den Ängsten der Eltern. Auch mit meinem Sohn lebe ich das so - der Impuls zur Vergrößerung kommt immer von ihm, und meine Rolle sehe ich höchstens darin, ihm aus dem Hintergrund heraus kleine Sicherheitsnetze anzubieten.

So ist er bereits in der ersten Klasse zum ersten Mal alleine mit im Rollstuhl ca. 1,5km zur Schule gefahren; oder auf einen Spielplatz, der ein paar Straßen weiter liegt; und vor ein paar Monaten, mit acht Jahren, hat er das erste Mal mit seinen Gehstöcken einen kleinen Einkauf erledigt. All diese Aktivitäten gingen von ihm aus; ich bin einfach z.B. die ersten Male mit Abstand auf dem Fahrrad hinterhergefahren, oder wir haben vereinbart, nach welcher Zeit ich ihm beim Einkaufen entgegengehen würde. Später hatte er dann ein Handy, mit dem er notfalls anrufen konnte.

Manchmal ist das natürlich aufregend, wenn solche Radien sich vergrößern. Aber für mich ist das eine der wichtigsten Erfahrungen für ein Kind - dass es sich in solche neuen Situationen, ohne eine direkte Bezugsperson wagt und dabei merkt, was es alles schaffen kann. Dass sein Umfeld ihm wohlgesonnen ist. Das Fremde helfen, wenn man sie anspricht. Ich finde diese Freiheit viel zu wichtig, als dass ich sie den üblichen es-könnte-ja-was-passieren-Ängsten opfern würde. Und ich habe bereits zuvor geschrieben, wie wichtig ich das insbesondere für Kinder mit Behinderungen finde - die ja tendenziell eh noch viel mehr überbehütet werden.

Darüber kann man natürlich wunderbar schreiben und reden und dabei mit dem Kopf nicken - aber diese ganze Haltung ist nur genauso viel Wert wie die Reaktion, wenn dann wirklich mal etwas passiert.

Wie gestern.

Mein Sohn wollte unbedingt mal wieder einen kleinen Einkauf machen - da noch genügend Zeit war, ließ ich ihn vor dem Abendessen mit seinen Gehstöcken losmarschieren.

Als etwa 40min später das Handy klingelte (ich hatte ihm für Hin- und Rückweg mit Puffer etwa 60min zugedacht), hatte ich schon irgendwie so eine Ahnung. Er war selbst dran. Ein wenig aufgeregt erzählte er mir, dass er auf dem Rückweg gestürzt war, sich die Lippe aufgeschlagen hatte, und eine Frau gerade den Notarzt gerufen habe. Nachdem ich erfahren hatte, wo er war (nur zwei Häuser weiter von uns), rannte ich los. Als ich ankam, war er von drei total fürsorglichen Nachbarn umgeben, und die heftige (Nasen!-)Blutung bereits gestillt. Er war sichtlich erschrocken, aber in keiner Weise ungewöhnlich.

Es blieb nicht viel zu tun. Ich war einfach für ihn da, sprach ruhig mit ihm, versuchte herauszufinden wie er gestürzt war, ob er Schmerzen hatte. Natürlich war ich ziemlich bewegt, aufgeregt, und mit Tränen in den Augen. Aber meine Botschaft in all dem an ihn war: Es ist ok; so etwas kann passieren. Das ist Teil des Lebens, des Bewegens, und der Wege, auf die man sich wagt.

Der Krankenwagen kam, aber ich hatte bereits den Eindruck, dass mein Sohn keine schwerwiegenden Verletzungen hatte. Die Sanitäter checkten die Nase, und überließen es meinem Gespür, was ich für nötig hielt. Zusammen brachten wir ihn nach Hause, wo er zu Abend aß und dann sehr bald in einen tiefen Schlaf fiel. Am Tag darauf waren der Schreck ganz, und die Schmerzen weitgehend verschwunden.

Da es das erste Mal war, dass ihm so etwas alleine passiert war, fragte er natürlich, ob er denn in Zukunft trotzdem wieder alleine irgendwo hingehen dürfe. Ich sagte ihm, dass er GERADE heute gezeigt habe, wie gut er mit Unvorhersehbaren umgehen kann; wie gut er sich zu helfen weiß, wenn etwas passiert; und wie super sich auch alle Beteiligten verhalten und ihm geholfen haben.

Natürlich wird er wieder losgehen dürfen, wenn er wieder so weit ist. Er hat mir gestern im Grunde nur bestätigt, dass ich mir um ihn keine Sorgen zu machen brauche. Auch wenn wieder etwas passiert.

Ich hoffe, dass er seinen Bewegungsradius weiter erforschen und seine Grenzen in seinem ganz eigenen Tempo herausfordern wird - und wünsche es allen Kinder auch. Was für eine kraftvolle und selbstkompetente Generation da heranwachsen könnte.

48 - Das Drama des inklusiven Kindes.

Heute fragte ich meinen Sohn, welches Thema er für den heutigen 100-Tages-Challenge-Artikel interessant fände. Sollte möglichst irgendwie mit dem Körper zu tun haben.

Spontan schlug er seinen halben Sturz neulich von einer Treppe in einem Schwimmbad vor.

Ich war ein wenig überrascht, dass er sich so "gerne" daran erinnern wollte.

Ich hatte den Sturz nicht gesehen. Ich war zwar auch mit im Schwimmbad gewesen; da ich aber noch zu tun hatte war ich schon nach einer Stunde aus dem Wasser gegangen und hatte mich zum Arbeiten auf eine Empore gesetzt. Mein Sohn blieb im Wasser und kam ein paar Mal zu mir hoch. Beim letzten Runtergehen war er vom Handlauf abgerutscht und ein paar Stufen gefallen. Er hatte sich beim Stürzen aber gut abgefangen; ich konnte zwar die Treppe von meinem Platz aus nicht einsehen - sah in aber ein paar Augenblicke später völlig unbeschadet zum Schwimmerbecken krabbeln und ein paar Bahnen schwimmen.

Im Nachhinein glaube ich, dass der Sturz ihn zwar natürlich ein wenig erschreckt hat - aber irgendwo auch gestärkt, und stolz gemacht. Das Fallen war ein Zeichen dafür, dass er alleine im Schwimmbad unterwegs war; dass eben niemand direkt neben ihm stand und ihn vom Hinfallen abhielt.

Fallen gehört zum Bewegen und lebending sein. Fallen will genauso gelernt und geübt werden wie alles andere.

Wieder ist mir durch seine Themen-Impuls bewusst geworden, wie sehr er tagtäglich vom Fallen abgehalten wird.

Gerade erst neulich etwa - als der Mitarbeiter des Mobilen Sonderpädagogischen Dienstes einen seiner zwei Besuche pro Schuljahr absolviert hatte. Dieser Dienst unterstützt reguläre Schulen dabei, Inklusion im Unterricht umzusetzen. Nach dem Besuch bekam ich (mal wieder) von ihm per Email eine Liste von Dingen, die er empfehlen würde - eine davon: Dass an Finnans Rollstuhl immer der Kippschutz ausgefahren sein sollte, um ihn vor Stürzen auf den Hinterkopf zu bewahren.

OK - dann sollten vielleicht alle Kinder immer mit Helm und Rückenprotektoren durch die Welt laufen? Ich lasse Finnan grundsätzlich selbst entscheiden, wie er sich im Rollstuhl sichert - er benutzt schon lange keinen Kippschutz mehr. Das Problem am Kippschutz ist, das man dann den Rollstuhl nicht mehr gut nach hinten kippen kann, um z.B. Kantsteine oder andere Erhöhungen hochzukommen. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal überhaupt mal nach hinten gefallen ist; und wenn, dann weiß er, wie er sich gut abfangen kann.

Zugegeben: Auch gesunde Kinder werden heutzutage oft überbehütet und vor allen gefährlichen Situationen bewahrt. Aber bei Kindern mit Behinderungen steigert sich das zu einem richtigen Drama: Ich habe das Gefühl, dass ihnen nicht ein einziger Fehltritt vergönnt ist. Jedes Risiko wird im Keim erstickt. Wenn etwas nicht sofort todsicher funktioniert, dann wird es sofort für ungut befunden. Kinder mit Behinderungen bekommen im realen Leben kaum eine Chance, zu scheitern.

Mein Sohn schwamm seine Bahnen, und kam dann erneut hoch zu mir. Ruhig und sachlich erzählte er mir von seinem Sturz, und wie es ihm damit ergangen ist. Er machte eine Frau nach, die den Sturz gesehen und total blöd geguckt habe. Wir mussten beide sehr lachen, als er ihren Gesichtsausdruck nachmachte. Wir schauten an, wo er draufgefallen war und wo es weh tat. Ich drückte ihn - und so komisch es klingt, aber ich freute mich für ihn.