Inklusion

Mit 10 noch gehen lernen - warum nicht?

Es klingt so schön: Die jüngeren Erkenntnisse der Neurowissenschaften weisen immer mehr darauf hin, dass das Gehirn höchst "plastisch" ist. Es gibt immer mehr Evidenz dafür, dass man bestimmte Dinge eben nicht nur in festgelegten frühkindlichen Zeitfenstern und Meilensteinen lernen kann - sondern im Grunde zu jedem beliebigen Zeitpunkt, ein Leben lang.

Ganz konkret heißt das, dass man alle möglichen motorischen Fähigkeiten, Bewegungen und Sportarten jederrzeit beginnen und auf ein ganz ordentliches Niveau bringen kann.

Aber wenn ich ehrlich bin - sehe ich nicht viel davon, wenn ich mich so umschaue. Ich sehe weder Kinder, die mit 8, 9 oder 10 Jahren auf einmal doch noch das Laufen lernen - noch sehe ich Erwachsene, die auf einmal im mittleren Alter eine erfolgreiche Sportlerkarriere beginnen.  Oder höchstens in Ausnahmefällen, einem Wunder gleich, das sich dann viral über das Internet verbreiten. Aber solche tiefgreifenden motorischen Lernerfolge haben bei Weitem noch nichts Alltägliches.

Warum eigentlich nicht? Sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse doch nicht so verallgemeinbar wie gedacht, oder gar missverstanden?

Als Mutter eines Kindes mit einer Körperbehinderung erfahre ich die Diskrepanz zwischen dem "fixiertem" und "plastischen" Gehirn-/Lernparadigma jeden Tag in einer oft beängstigenden Intensität.

Genauer gesagt erfahre ich überwiegend, wie sehr man zum Aufgeben getrimmt wird. Und wie sehr einem Angst gemacht wird, dass man bestimmte Zeitfenster verpasst, wenn man sich nicht wahnsinnig mit dem Therapieren beeilt. Je früher desto besser, sonst ist der Zug abgefahren.

So zum Beispiel, als es um das freie Laufen ging. Die gängige Prognose ist: Wenn ein Kind in den ersten Lebensjahren nicht laufen lernt - dann nie. Die gängige Empfehlung ist, es dann irgendwann auch nicht mehr zu probieren, und lieber dafür zu sorgen, dass das Kind ein gutes Leben im Rollstuhl führen kann.

Mit diesen Erfahrungen begann ich vor Jahren, mich mit den Details und Konsequenzen der Neuroplastizität zu beschäftigen. Und traf auf eine ganz neue Welt des Lernens, Dranbleibens und Gehirn-Anregens. Ich muss zugeben - zu Beginn kamen mir die Versprechungen dieses neuen Paradigmas fast Click-Bait-mäßig reißerisch vor. In der echten Welt unmöglich zu erreichen. Bücher wie die von Norman Doidge waren voll von wissenschaftlicher Evidenz und anekdotischen Fallstudien, die zum Teil kaum zu glauben waren. Ich hatte Zweifel, ob ich es nicht einfach mit einer Menge Outliern zu tun hatte - und ob die Masse der gescheiterten Lern- und Therapieversuche nicht einfach unerwähnt blieb.

Aber mit der Zeit meiner Recherchen begann sich für mich etwas zu ändern. Es war gar nicht so sehr ein neuer Glaube daran, dass viel mehr möglich ist, als ich mir vorstellen konnte - es war mehr die Erkenntnis, dass ich vielleicht einfach nichts ausschließen sollte. Es war mehr ein "Hoffnung nicht aufgeben" als ein "sich Hoffnungen machen".

Vielleicht macht genau diese Haltung "spektakuläre" neuroplastische Entwicklungen überhaupt möglich. Es ist eine Haltung, die keine spezifischen Ergebnisse erwartet - aber auch keine ausschließt. Dies öffnet den Raum für entspanntes Probieren, Experimentieren und Spielen bei dem nicht unbedingt etwas rauskommen muss - aber alles rauskommen darf.

Für meinen Sohn begann diese Entwicklung mit etwa 2-3 Jahren, als er mit Hilfe eines Rollators ins Gehen kam.

Mit 7 Jahren feierten wir dann schließlich das erste kleine Wunder in Bezug auf freies Gehen:

Und als ich meinen Sohn - Alter fast 10 Jahre - letzte Woche aus dem Hort abholte, traute ich meinen Augen nicht:

Egal wie sich sein freies Gehen von hier aus entwickeln wird - was ich an diesem Nachmittag sah, war manifestierte Neuroplastizität, so eindrucksvoll wie ich sie noch nie zuvor selbst erlebt hatte. Mir liefen Tränen übers Gesicht - mein Kind bewegte sich in einer Art und Weise, wie ich sie noch nie zuvor an ihm gesehen hatte.

Und mir wurde langsam klar, dass solche vermeintlichen "Wunder" eigentlich der Normalfall sein können. Die Tatsache, dass wir sie nicht ständig sehen und erleben liegt eben nicht darin, dass die neuroplastische Eviden trügt - sondern, dass wir - als Menschen, als Betroffene, als Eltern, als Ärzte und Therapeuten - wenig Erfahrung damit haben, welche Schlüssel eigentlich neuroplastische Vorgänge auslösen. Wir hängen noch so tief in dem veralteten fixierten Lern- und Therapiemodell, dass wir das "echte", natürliche Lernen erstmal (wieder) verstehen müssen.

Hier ein paar Aspekte, die auf dem Geh-Weg meines Sohnes aus meiner Sicht eine Rolle spielen:

  1. Der Ausstieg aus dem konventionellen Fördermodell. Mit Schulbeginn führten wir keine Physio-/Ergotherapie und auch keine Logopädie weiter. Mir war klar geworden, dass diese Therapien das Nervensystem viel zu wenig beeinflussten, und im Grunde mehr strukturelle Kosmetik waren als neuronale Anregung. Das heißt nicht, dass diese konventionellen Therapien nicht auch ihren Platz haben - aber man sollte sie regelmäßig auf Herz und Nieren für die eigenen Zwecke überprüfen.
  2. Voraussetzungen für spontanes, variiertes und engagiertes Bewegungslernen schaffen. Eine Sache, die mir durch meine Recherchen klar wurde: Die Umfänge von selbst engmaschigsten Therapieeinheiten (z.B. täglich 1-2 Stunden) waren immer noch viel zu gering, um neuronal effektiv sein zu können. Wir mussten Finnans Alltag so gestalten, dass er sich von sich aus, ohne es groß als "Therapie" einzustufen, in einer großen Bandbreite bewegen würde. Mehr Platz in meiner Wohnung, unterschiedliche Aktivitäten (Schwimmen, Planschen, Wandern, Schulwege), und herausfinden was ihm so sehr Spaß machte, dass er dabei die ganze Welt um sich vergessen konnte. Ich habe zum Beispiel nie freies Gehen mit ihm geübt - das ist etwas, was nur von ihm kommt, wie auch an dem denkwürdigen Tag letzte Woche.
  3. Zentralnervös wirksame Therapieformen. Mit dem Abschied von den konventionellen Therapien wendeten wir uns solchen zu, die direkter mit dem Gehirn arbeiteten. Rolfing/Osteopathie, modifizierte (selbstexperimentelle) Contraint-induced Movement Therapy, therapeutisches Reiten etc. Die über 50 Schritte von oben kamen, bestimmt kein Zufall, am Tag nach der ersten Rolfing-/viszerale Osteopathie-Sitzung seit Langem.
  4. Zeit lassen und nicht hektisch werden. Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse: Jeder motorische Prozess braucht Zeit. Seine eigene Zeit. Und es ist völlig ok, sie sich zu nehmen. Es ist auch völlig ok, eine Weile nicht zu wissen, was gerade am Besten ist; beim Herausfinden ruhig und gelassen zu bleiben, sich auch nicht von Experten unter Zeitdruck setzen zu lassen. Angst und Stress sind immer ein schlechter Ratgeber - um so mehr, wenn es um motorisches Lernen geht.
  5. Überhaupt, selbst zum Experten werden und sich ein Netzwerk von neuroplastisch arbeitenden und ermutigenden Fachleuten aufbauen. Die Verantwortung für das eigene Kind (oder auch für sich selbst) kann man nicht einfach auf einen Arzt/Therapeuten/Lehrer übertragen, auch wenn diese das noch so sehr wollen. Keiner kennt das eigene Kind so gut wie man selbst - und keiner wird sich jemals so für dieses Kind reinhängen, wie Eltern für ihr eigenes Kind. Klar kann man die Hilfe von Fachleuten in Anspruch nehmen - aber man sollte sie gut aussuchen, sich mit ihrer Arbeitsweise vertraut machen und das Gefühl haben, dass man sich mit dieser Arbeitsweise identifizieren kann. Und diese Hilfe kann lediglich das sein, was sie ist - Hilfe, und nicht unbedingt die ultimative Wahrheit.
  6. Widerstände aushalten. Seitdem ich denken kann, werde ich für meine Entscheidungen in Bezug auf mein Kind von allen möglichen Fachleuten kritisiert. Oft auch noch ungefragt, weil jeder meint, mitreden zu müssen, wenn man ein Kind mit Behinderungen hat. Ich kann nicht sagen, dass mir das nichts ausmacht - im Gegenteil, oft trifft mich diese selbstverständliche Einmischung und ungefragte Kritik sehr. Es braucht viel Kraft, um ihr Stand zu halten. Ich versuche mich dann immer daran zu erinnern, dass ich a) mein Kind von allen "Experten" immer noch am längsten kenne, b) sein ganzes Leben im Blick habe, während alle anderen nur Ausschnitte und befristete Zeiträume sehen und c) die Kritik mehr über die Bedürfnisse des Senders aussagt als über die Qualität meiner Entscheidungen.
  7. Selbst besser bewegen lernen. Das ist wahrscheinlich einer der konfrontierendsten, aber auch faszinierendsten Aspekte. Irgendwann fiel mir auf, wie sehr Finnans Lernforschritte und Bewegungsmuster mit meinen eigenen zusammenhingen. Wenn man genauer darüber nachdenkt, ist es eigentlich nicht verwunderlich, da natürliches Bewegungslernen sehr stark durch Imitieren von Bezugspersonen angeregt wird. Daher gestalte ich mein eigenes Bewegungsverbessern und -lernen nun viel bewusster. Finnans 50 Schritte fielen zum Beispiel genau in die Zeit, als ich - nach einer mehrwöchigen Trainingspause - im Ballett ein paar neue körperliche Muster bemerkte. Dies ist aus meiner Sicht übrigens auch eine riesiges Potential der Inklusion insgesamt - die Möglichkeit, von Behinderungen betroffenen Menschen ganz viel anregendenden Imitationspielraum zu geben.

Diese Aspekte illustrieren sehr deutlich, warum wir so wenig "überraschende" Heilungserfolge oder nicht für möglich gehaltene Fortschritte sehen - denn sie brauchen ein rigoroses Umdenken und in vielerlei Hinsicht ein gegen den Strom schwimmen. Das kann an der Substanz zehren und oft genug auch entmutigen. Aber es steckt so viel Potential darin - auch und vor allem, weil sich vieles vereinfacht und entspannt.

Nach wie vor ist für mich nicht ausschlaggebend, ob mein Sohn irgendwann komplett auf seinen Rollstuhl verzichten wird. Ausschlaggebend ist für mich, dass er in Bezug auf seine Möglichkeiten nicht durch vorgefasste Meinungen und Prognosen eingeschränkt wird. Meine Idee ist, dass er gar nicht mehr dran denken muss, was eigentlich für ihn möglich ist - sondern einfach macht, und uns alle überrascht.

91 - "Exzessives Gehen" ODER: Die Unfehlbarkeit des kindlichen Körpergespürs

Erneut erlebe ich, wie bereits beschrieben, eine Situation, in der die körperlichen Fähigkeiten meines Sohnes von seinem direkten Umfeld heruntergeredet werden. Oder missverstanden - das bleibt abzuwarten.

Kurz zusammengefasst hat er vor Kurzem etwas ganz Besonderes geschafft: Eine Schulwoche komplett ohne Rollstuhl, nur mit seinen Gehstöcken. Davon mehrfach auch seinen Schulweg zu Fuß und mit öffentlichem Verkehrsmitteln bewältigt. Verständlicherweise superstolz darauf.

Ich hatte auch den Widerstand erwähnt, den sein neuer Fortschritt bei einigen Mitarbeitern seiner Schule ausgelöst hat.

Nachdem wir Eltern heute ein kurzes Tür-und-Angel-Gespräch mit seiner Klassenlehrerin geführt haben, wird mir so langsam die dahinterstehende Dynamik bewusst. Dass das, was eigentlich Inklusion sein sollte - ein Flickenteppich aus medizinischen Dogmen, Schubladen und einem Misstrauen gegenüber dem Entwicklungspotential eines Kindes ist. Es scheint schwer zu sein, sich darauf einzulassen, dass ein Kind, welches normalerweise mit dem Rollstuhl unterwegs ist, auf einmal auf seine Füße kommen will.

Die Lehrerin war komplett aufgelöst. Offenbar hatte sie mit einem Mitarbeiter des Mobilen Sonderpädagogischen Dienstes gesprochen, der ihr tatsächlich gesagt hatte, dass so viel Gehen für meinen Sohn mit seiner "Krankheit" (so hatte sie die Zerebralparese tatsächlich genannt) nicht gut sei. Genauer gesagt benutzte sie den Begriff "exzessives Gehen", und offenbar war ihr gesagt worden, dass dies eine Belastung für die Gelenke u.ä. sei. Als ich ihr vor Augen hielt, wieviel er so im Alltag und in den Bergen läuft, sagte sie sie "hoffe", dass er davon keine Langzeitschäden davontragen würde.

Ich mache ihr keinen Vorwurf. Sie kennt sich mit den genauen Aspekten dieser Behinderung nicht aus, sondern gab im Grunde nur das wieder, was ihr der angebliche Experte für diese "Krankheit" (sorry, ich kann es nicht lassen) gesagt hatte. Der wiederum sieht meinen Sohn bei seinen Hospitationen an etwa zwei bis drei Tagen im Jahr; weiß nichts über die Entwicklungen der letzten Jahre und sonstige Alltags-Bewegungsgewohnheiten. Und hält offenbar stark an bestimmten medizinischen Dogmen fest, die alle darauf hinauslaufen, dass jemand wie mein Sohn sich nicht zu viel bewegen sollte, und wenn, dann nur in bestimmten vorgeschriebenen Rahmen.

Ich habe keine Ahnung, wie man darauf kommen kann, die natürlichen Bewegungsimpulse eines Kindes korrigierend bewerten zu müssen. Wenn jemand noch ein unverfälschtes und unfehlbares Gespür für seinen Körper hat - dann ein Kind. Einem Kind, was Freude am Laufen hat und jede Gelegenheit zum Gehen nutzt zu sagen, es solle lieber mehr Zeit im Rollstuhl verbringen - da fällt mir nicht mehr viel ein. Ausgerechnet das Gehen - eine der fundamentalsten menschlichen Bewegungen überhaupt. Etwas besseres könnte dieses Kind sich im Moment kaum ausgesucht haben.

Das heißt nicht, dass es immer ein Zuckerschlecken ist. Natürlich ist es auch anstrengend, und mein Sohn wird Zeit brauchen, um sich an sein neues Gehpensum zu gewöhnen. Eine Weile wird er das sicherlich auch in der Schule merken. Ich halte diese Weile für sehr gut investierte Zeit.

Ich hoffe, dass wir als Eltern dieses Hintergrunddrama so gut wie möglich abfangen und dafür sorgen können, dass unser bewegungs-freudige Sohn in Zukunft in seinen Schritten bedingungslos ermutigt und unterstützt wird. Schade nur, dass das offenbar nicht überall eine natürliche Reaktion auf seine bewundernswerten Fortschritte ist.

 

 

89 - Langsam Langsamkeit lernen.

Es war Feldenkrais, der sagte, dass man eine Bewegung zunächst langsam ausführen können muss, bevor man sie schnell meistern kann.

Schwer für jemanden wie mich, die, gerade was Bewegung angeht, alles gerne schnell macht und lernt.

Aber in meinem Sohn hatte ich einen exzellenten Therapeuten in Bezug auf geduldige Langsamkeit. Und bei kaum etwas anderem zeigte sich das mehr, als bei unseren gemeinsamen Wanderungen.

Apropos schnell: Normalerweise brauche ich bei solchen leichteren Bergtouren immer nur halb so lange wie auf den Weg-/Streckenmarkierungen angegeben. Es ist noch nicht mal so, dass ich es eilig habe, oder schnell sein will - mein Körper pendelt sich einfach bei einem bestimmten Rhythmus ein, und ich genieße dieses Auspowern gegen die Schwerkraft.

Wenn ich mit meinem Sohn wandere, dann brauchen wir zwei- bis dreimal so lange wie auf den Markierungen angegeben (je nach dem, wie viel er selbst mit seinen Gehstöcken läuft). Als wir mit diesen Wanderungen anfingen und er zunehmend mehr selbst lief, schlug ich ihm immer wieder vor, dass ich ihn eine Weile schieben könnte, damit wir schneller vorankommen können (und ich mich auspowern konnte).

Bis ich es irgendwann ließ. Und seine Selbst-Lauf-Strecken immer länger wurden - heute, mit vier Stunden, ein absoluter Rekord.

Ich ließ mich, stattdessen, auf sein ruhiges, meditatives Tempo ein. Und bin ihm ewig dankbar.

Es ist eine gute Erinnerung daran, nicht immer nur überall hineilen zu müssen. Sich weniger vorzunehmen, und es dafür voll auszukosten. Menschen und ihre Lernprozesse nicht zu beschleunigen, sondern sich auf sie einzulassen.

Ich habe gelernt, langsam zu gehen - und bin superstolz darauf.

88 - Wer alles mitreden will, wenn man ein Kind mit Behinderungen hat.

Wahrscheinlich machen alle Eltern irgendwann die Erfahrung, ungebetene Ratschläge oder Kommentare zum Kind zu bekommen. Lehrer, Erzieher, Ärzte, oder gar Fremde auf der Straße: Alle meinen, das Kind vor Schlimmerem bewahren zu müssen.

Wenn man ein Kind mit einer Behinderung hat, erweitert sich die Liste derjenigen, die ihren Senf dazu geben wollen. Nach der letzten Inklusionsepsisode rund um meinen Sohn musste ich den Kopf schütteln bei der großen Anzahl von Menschen, die regelmäßig meinen, ungefragt seinen Zustand und seine Entwicklungsschritte steuern oder kommentieren zu müssen:

  • Klassenlehrerinnen
  • Hort-Erzieher
  • Hortleiter
  • Schulleiterin
  • Mitarbeiter des Mobilen Sonderpädagogischen Dienstes
  • Orthopäde
  • Mitarbeiter der Audiopädiatrie-Praxis
  • Schulbegleiterin 1
  • Schulbegleiterin 2
  • Heilpädagogische Fachkraft
  • Mitarbeiterin des Referats für Bildung und Sport (als Träger des Hortes)
  • Der Regierungsbezirk

Warum eigentlich?

Traut man uns Eltern nicht zu, das Leben mit unserem Sohn fürsorglich und verantwortlich gestalten zu können, und uns Hilfe/Ressourcen zu holen, wenn wir sie brauchen? Ist es die Unfähigkeit zur Gelassenheit beim Anblick eines Kindes mit Behinderungen und ein Aktionismus-Drang als Kompensation dafür?

Interessanterweise sind es meistens die Leute, die weder selbst eine Behinderung haben noch engere Angehörige mit einer Behinderung, die am lautesten rufen.

Wie wäre es mit einem stillen, gelassenen Mitgefühl als mutige Alternative zum Miteden?

 

 

 

85 - Wenn Inklusion nur Hüllwort ist.

Inklusion hat für mich weniger damit zu tun, dass Menschen mit Behinderungen die gleichen Chancen haben sollen wie Menschen ohne Behinderungen. Inklusion ist für mich vielmehr ein Ausdruck dafür, dass jeder Mensch anders ist; andere körperliche Voraussetzungen mitbringt, ein eigenes Lerntempo hat, oder etwa Entwicklungs-Meilensteine in unterschiedlicher Reihenfolge erreichen kann.

Daher fiel mir nach einem Erlebnis mit meinem "inklusiv beschulten" Sohn neulich nicht mehr so wirklich viel ein.

Auslöser war, dass er einen enormen, nie für möglichen Meilenstein erreicht hatte: Er ist ein paar Tage hintereinander, das erste Mal in seinem Leben, ohne Rollstuhl, nur mit Gehstöcken und öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule gegangen.

Ich konnte kaum glauben, was er da erreicht hatte. Der Impuls dazu kam von ihm selbst, nachdem er über die Monate zuvor große Fortschritte beim Laufen gemacht hatte. Mit einer unglaublichen Entschlossenheit ließ er mich wissen, dass er es jetzt probieren wollte. Stand extra dafür früher auf, da er länger für den Schulweg brauchen würde. Einmal übten wir zusammen. Und dann schaffte er es.

Er, sein Vater, ich, seine Freunde - feierten ihn. Was sollte man auch sonst machen, bei so einem Riesenschritt in seiner Entwicklung und Selbständigkeit.

Aber ich musste lernen, dass man tatsächlich auch was anderes machen konnte.

Am dritten Tag seiner Geh-Wege kam eine Email von der Schulleiterin - mit einer Einladung zum Gespräch. Sie schätze zwar, dass mein Sohn seinen Schulweg alleine bestreite, aber sei ja doch ziemlich müde und belastet durch diese Kraftanstrengung. Dann weitere Floskeln darüber, dass man ihn ja unterstützen wolle und mit uns Eltern gern eine andere Lösung finden würde.

Im Ernst?

Da hat ein Kind gerade ein paar Tage hintereinander etwas geschafft, was nie für möglich gehalten wurde - und sie bemängelt Müdigkeit? Weitweit gibt es zunehmende Evidenz über die therapeutische Wirkung von viel Gehen, und sie meint, dass das nicht gut für ihn sei? Ein Kind erkämpft sich selbst ein komplett neues Bewegungsspektrum, mit all den metabolischen und neuromuskulären Auswirkungen, und sie meint, nach drei Tagen den Riegel vorschieben zu müssen?

Mir graut es bei diesem Aktionismus - und er ist ein gutes Beispiel dafür, wie Inklusion an einer Einrichtung in der Praxis gehandhabt wird. Wie oft einem von etlichen Seiten reingeredet wird, aus einer seltsam motivierten Fürsorge heraus.

Der Punkt ist, dass noch nicht mal klar ist, ob mein Sohn seinen Schulweg jetzt immer so bestreiten wird. Und der weit wichtigere Punkt ist: Sein Körper wird Monate, vielleicht über ein Jahr brauchen, bis er vollständig an dieses neue Bewegungspensum angepasst ist. Das, was Kinder in viel jüngerem Alter über eine längere Zeit aufbauen, macht er gerade innerhalb einer viel kürzeren Zeit, und in einem weit höheren Alter. Natürlich ist das auch ermüdend - genauso wie jedes andere sportliche Training auch. Und natürlich muss er selbst lernen und dann austarieren, wieviel er bewältigen kann - kein Mensch kann das für ihn entscheiden. Warum darf er nicht die Zeit bekommen, die er, ganz individuell, für diese Anpassungsvorgänge braucht?

Ja, ich weiß - weil die Inklusion halt noch in den Kinderschuhen steckt. Weil viele Fachleute, Lehrer, Erzieher noch in in Schemen und Kategorien denken, die noch an die Integration und an die konventionelle Pädagogik angelehnt sind. Und ich weiß, dass es Geduld, und Gespräche und ganz viel Zeit braucht.

Aber ehrlicherweise schmerzt es zu sehen, wenn ein Kind so geschwächt wird. Wenn seine Müdigkeit als Schwäche oder Unvermögen zurückgespiegelt wird, statt als eine völlig normale Reaktion seines Körpers auf die neue Belastung. Wenn er, statt abgeklatscht und gefeiert zu werden, mitleidige und besserwissende Blicke erfährt. Wenn er nicht in seiner Selbstkompetenz und seinem Körpergespür unterstützt wird, sondern seine Defizite präsentiert bekommt.

Und es ist mühsam, ihm immer wieder einen Weg freiräumen zu müssen - einen Weg, der ihm doch so selbstverständlich offen stehen sollte.

Ich wünsche mir - viel mehr als das.

Inklusion, wenn sie wirklich verstanden wird - ist mehr als ein neues Konzept und ein paar Fortbildungen. Sie ist eine Konfrontation mit unseren eigenen Grenzen, Ängsten und Glaubenssätzen - und eine kontinuierliche Überwindung dieser. Denn dann können wir jeden Meilenstein und jeden neuen Impuls schätzen - egal wie unerwartet er auch sein mag.

 

68 - Ein wahres Inklusionsmärchen.

Inklusion ist kein Konzept - es ist eine zutiefst menschliche Haltung.

Man kann keinem Inklusions-Plan folgen, man kann Inklusion nicht ein- und ausschalten.

Wenn sie gelingt, berührt es - wenn nicht, gibt es noch etwas zu lernen. Inklusion kann nicht "scheitern", denn sie ist niemals zu Ende.

Der folgende Bericht über eine Sporterfahrung meines Sohnes soll zeigen, dass Märchen wahr werden können - oder eher, dass Märchen im Grunde aus einer Vielzahl kleiner und unspektakulärer Schritte, Flexibilität, Beharrlichkeit und Geduld entstehen.

*   *   *

Wer weiß, vielleicht war es ursprünglich sogar Peer Pressure, der mich über Vereins-Sportmöglichkeiten für meinen Sohn nachdenken ließ. Unabhängig von seiner Körperbehinderung hat er sich, wie andere Kinder auch, schon immer gerne und viel bewegt; und es war eine Zeit, zu der viele seiner Freunde mit sportlichen Aktivitäten begannen.

Neben Bewegung aller Art hatte er schon seit Babyzeiten ein besonderes Faible: Erst Planschen und Baden, irgendwann dann Schwimmen. Der Auftrieb des Wassers gibt ihm eine Bewegegunsfreiheit weit über die an Land hinaus. Im Schwimmbad fällt er, wenn man nicht ganz genau hinschaut, bewegungstechnisch kaum auf.

Also begann ich über Schwimmtraining-Möglichkeiten nachzudenken. Mein erster Ansatz, wie immer - einen ganz normalen Verein zu finden und zu sehen, ob er dort am ganz regulären Training teilnehmen könnte.

Ich fragte in meinem Sport-Ex-Kollegen-Kreis nach, und hatte nach kurzer Zeit eine konkrete Vereins-Empfehlung. Ich schrieb eine Email mit einer kurzen Erläuterung zur Situation meines Sohnes und seines Schwimm-Hintergrundes und der Frage, ob er einfach mal, ganz unverbindlich, zur Probe an einem Training teilnehmen dürfte.

Keine Antwort auf meine Nachricht. Etwa vier Monate später schrieb ich erneut. Wieder keine Antwort. Zwei Wochen nach meiner zweiten Mail rief ich in der Geschäftsstelle des Vereins an und hakte nach.

Ich wurde sehr freundlich empfangen, und die Trainerin bot mir nach einem kurzen Gespräch an, dass mein Sohn vorbeikommen könnte. Das Training war in einem Schwimmschulbad bei uns um die Ecke (auch ein Vorteil von Inklusion: Keine ewig langen Wege zu irgendwelchen speziellen integrativen Angeboten).

Mein Sohn schwamm also ein paar Tage später, von der Trainerin beobachtet, munter drauflos. Das Schwimmbad war mit mehreren großen Trainingsgruppen supervoll an dem Tag; als mein Sohn fertig war, erwischte ich die Trainerin daher nur noch ganz kurz, da sie bereits mit den nächsten Trainingsgruppen voll zu Gange war. Ich wollte mich nur schnell verabschieden und ihr anbieten, dass ich sie einfach die Woche drauf nochmal anrufen könne, damit wir in Ruhe sprechen und ich sie nicht jetzt im Trainingsgeschehen stören müsste.

Bevor ich etwas sagen konnte kam sie mit einem leicht entschuldigenden Blick auf mich zu und sagte wie aus der Pistole geschossen, dass wir nicht mehr wiederkommen können. Sie habe einfach nicht genug Trainerpersonal, um sich ausreichend um meinen Sohn kümmern zu können (suggerierend, dass er besonderer Unterstützung bedürfe).

Ich war komplett verdattert. Damit hatte ich NULL gerechnet - das Training hatte ich als gar nicht so schlecht wahrgenommen. Ich war sprachlos und schaute sie nur mit großen Augen an. Ein wenig begann ich mich sogar zu schämen - hatte ich die Fähigkeiten meines Sohnes tatsächlich so sehr idealisiert? War ich eine von den Müttern, die völlig falsche Vorstellungen vom Können ihres Kindes haben?

Irgendwann stammelte ich dann eine Verabschiedung; sie begann sich wieder um ihre anderen Schwimmer zu kümmern. Nachdem ich meinem Sohn beim Duschen und Umziehen geholfen hatte und wir endlich draußen waren, kamen mir die Tränen.

Mein Sohn nahm es nicht so tragisch. Ich weiß nicht, ob es ihn tatsächlich nicht so sehr traf, oder ob er sich einfach nicht so sehr damit auseinandersetzen wollte. Oder ob er einfach nur voller Vorfreude auf den Besuch des Frühlings-Volksfestes war, den ich ihm für nach dem Training versprochen hatte. Trotz strömenden Regens. Eine durchaus passende Kulisse zu meiner Stimmungslage in dem Moment.

Ich verwarf den Gedanken, die Trainerin nochmal anzurufen - ich war einfach zu sehr getroffen. Stattdessen begann ich, mich nach anderen Trainingsoptionen umzusehen. Es gab noch einen anderen Schwimmverein; und auch wenn die Trainingsorte für uns sehr ungünstig lagen, so war ich drauf und dran, meinen Sohn trotzdem dort das Trainieren probieren zu lassen.

Kurz bevor es so weit war, kam mir noch ein Gedanke. Ich hatte meinen Schmerz über die Trainings-Abfuhr mittlerweile ausreichend überwunden und fand, dass es nicht schlecht wäre, mir ein Feedback von der Trainerin einzuholen. Vielleicht könnte sie mir sogar sagen, wass mein Sohn können müsste, um irgendwann in der Zukunft wieder bei ihr trainieren zu können - in der Zwischenzeit könnte er seine Schwimmfähigkeiten in jenem anderen Verein aufbauen.

Gesagt, getan. Ich fasste meinen Mut zusammen und rief sie an.

Was dann passierte, haute mich von den Socken. Als ich sie am Telefon hatte und ihr erklärte, wer ich war, begann sie sich in einer sehr warmen und ehrlichen Weise zu entschuldigen. Sie sagte, dass sie an jenem Trainingstag mit der Masse der Kinder total gestresst gewesen war, und zu dem Zeitpunkt absolut keinen Weg gesehen habe. Mit dieser Reaktion hatte ich absolut nicht gerechnet; eine Dankbarkeit überkam mich, dass sie uns so in Erinnerung behalten und die Größe hatte, sich zu entschuldigen. Nachdem ich meine Idee mit ihr geteilt und gefragt hatte, ob sie mir eine Art Liste von notwendigen Schwimmfähigkeiten für die Teilnahme am Training geben könnte, fing sie an zu überlegen. Sie murmelte ein wenig vor sich hin und kam dann mit folgendem Plan: Mein Sohn könne doch wieder ins Training kommen; sie würde immer ein wenig vor dem offiziellen Trainingsbeginn da sein, und sich in diesen ersten Minuten nur um ihn kümmern.

WOW. Was für ein großzügiges Angebot - ich bedankte mich überschwenglich. Über die nächsten Wochen kamen noch zwei andere Kinder in diese Trainings-Kleingruppe - und während des offiziellen Trainings, bei dem sich die Trainerin dann wieder um die eigentliche Gruppe kümmerte, arbeitete ein junger Assistenztrainer mit den "Frühschwimmern" auf einer eigenen Bahn.

Der Höhepunkt: Als mein Sohn beim letzten Traning vor den Sommerferien das erste Mal kurz mit der Gruppe der "großen" Kinder mittrainieren durfte. Sein stolzer Blick sprach Bände.

Aber wie in einem echten Märchen - kam, wie so oft, die nächste Hürde.

Nach den Sommerferien änderten sich die Aufteilungen der Trainingsgruppen und -zeiten. Mein Sohn durfte prinzipiell weiterschwimmen - aber die Trainerin wollte, dass er zu einem Anfänger-Schwimmkurs dazukommen sollte. Zwar würde er dort besser schwimmen als die anderen Kinder - aber ihre Idee war, dass sie in dieser sehr kleinen Gruppe, dadurch, dass sie auch selbst mit ins Wasser gehen würde, gezielter mit ihm arbeiten könnte. Ich fand ihr Angebot erneut sehr durchdacht und großzügig - und auch wenn dieses Training am anderen Ende der Stadt lag und uns wahnsinnige Fahrtzeit kosten würde, beschloss ich, meinen Sohn weiter zu unterstützen und ihn einmal pro Woche dorthin zu bringen.

Nach etwa drei Wochen hatte mein Sohn alle Lust am Schwimmen verloren. Er wollte partout nicht mehr ins Training. Ich konnte nicht rausfinden, was los war und was ihn störte; ich erinnerte ihn an das Committment, das wir gegenüber der Trainerin hatten und wir vereinbarten trotzdem zu fahren. Bis er dann, dort angekommen, partout nicht ins Wasser wollte. Es hatte keinen Sinn - immerhin wollte er zumindest vom Beckenrand aus zuschauen.

Die Trainerin sprach mit ihm; und auch ich versuchte weiterhin herauszukriegen, was ihn eigentlich störte. Ich hatte ein paar vage Vermutungen. Auf der einen Seite waren wir beide ziemlich fertig von der langen und umständlichen Fahrt dorthin - sowie von dem sehr anstrengenden Zugang zu einer nicht barrierefreien Schwimmstätte. Auf der anderen Seite, das war zumindest mein unterschwelliges Gefühl, war ihm einfach nicht ganz wohl mit dem neuen Trainings-Arrangement, in dem er schon wieder eine Sonderrolle hatte: dadurch, dass er nicht ins reguläre Trainingsangebot durfte, sondern Teil eines Anfängerschwimmkurses war. Ich weiß, dass er mit Frust darauf reagiert, wenn seine körperliche Andersartigkeit dazu führt, dass er zu sehr "geschont" wird, oder besonders große Aufmerksamkeit erfährt. Das, was von außen wie eine paradiesische Förderung aussieht - erlebt er in gewisser Weise als Unterforderung.

Wieder rief ich die Trainerin an. Wir überlegten gemeinsam, was da los sein könnte, und ich teilte ehrlich, aber absolut nicht anmaßend meine Gedanken zu der beschwerlichen ÖPNV-Anfahrt und zu seiner Sonderrolle. Ich stellte klar, dass dies meine Vermutungen waren und nicht etwa gesichertes Wissen. Ich merkte, dass wir eine gute Gesprächsbasis hatten - es ging ganz und gar nicht darum, um jeden Preis etwas für meinen Sohn durchzuboxe oder sich krampfhaft auf den Inklusionsansatz zu versteifen; im Gegenteil, ich war sogar darauf gefasst, dass dieser Schwimmtrainingsversuch dem Ende zugehen könnte. Wir waren einfach zwei Menschen, die sich austauschen und gemeinsam kreativ überlegten, welche Hintergründe eine Rolle spielen und wie wir die Situation für meinen Sohn wieder stimmiger hinkriegen könnten.

Irgendwann begann sie wieder ein wenig vor sich hinzumurmeln - und beschloss, dass mein Sohn wieder in das ursprüngliche Training kommen sollte. Erneut ein wenig vor Beginn der offiziellen Trainingszeit - diesmal aber nur ganz kurz davor, und er würde einfach ein eigenes Trainingsprogramm bekommen, während sie sich um die regulären Trainingsgruppen kümmert. Und dann würden wir einfach wieder schauen, wie es läuft.

Mein Sohn war erleichtert. Noch nicht hellauf begeistert, aber zumindest wieder interessiert, ins Training zu kommen.

Als er, wegen der Herbstferien nach insgesamt drei Wochen Pause, wieder kam, wird er von der Trainerin total warm empfangen. Es war berührend zu sehen, wie sehr sie sich freute, ihn zu sehen. Man sah an seinem Gesicht, wie seine Motivation dadurch auf einmal ansprang. Schnell half ich ihm beim Umziehen und auf ging's ins Wasser.

Was dann passierte, werde ich nie vergessen. Da es nach langer Zeit wieder das erste Training in diesem Schwimmbad war, blieb ich zum Zuschauen. Ich saß, wie üblich, ein wenig am Rand und hatte mir etwas zu lesen und arbeiten mitgenommen. Die Trainerin ging wie immer vom Beckenrand aus neben ihm her - und kam auf einmal aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Ihr Blick wurde ungläubig. Sie sagte irgendwas von "Das gibt's doch nicht...", wurde wieder sprachlos. Ich wusste erst nicht so ganz, was los war - bis sie schließlich zu mir sagte, dass mein Sohn einen kerngesunden und soliden Beinschlag habe. Er hatte auch zuvor seine Beine bewegen können - aber es war immer etwas eingeschränkt und unregelmäßig gewesen.

Sie schaute mich immer wieder an, fassunglos. Irgendwann meinte ich zu sehen, dass ihre Augen ein wenig gerötet waren. Dazu muss man wissen, dass sie eine dieser wahnsinnig toughen Trainerinnen ist - mit einer großen Herzenswärme zwar, aber auch einem hohen Anspruch. Der Sprung, den mein Sohn gemacht hatte, muss für sie enorm gewesen sein. Sie sagte sogar, dass sie ihn völlig unterschätzt habe.

Ich dachte an die drei Wochen Pause. Mir fiel auf einmal ein, wie mein Sohn irgendwann zu Hause, zwischendurch, völlig unwillkürlich, beim Spielen vor sich hingemurmelt hatte: "Anziehen, öffnen, großen Kreis...." - genau die Worte, die sie gebetsmühlenartig beim Unterrichten in Bezug auf die Beine wiederholt. Sein Gehirn hatte offenbar schwer gearbeitet, während der mehrwöchigen Schwimmpause.

Und wie es dann so manchmal ist, kommt eins zum anderen. Nachdem ich beobachtet hatte, dass einige der älteren Trainingsgruppen mit ihrer Aufwärmroutine ein wenig allein waren, bot ich an, in der Zukunft das halbstündige Warm-up zu übernehmen. Und während ich das die Woche drauf das erste Mal tat -

- erfuhr ich hinterher, dass mein Sohn gerade sein Bronze-Schwimmabzeichen erfolgreich bestanden hatte. (Ich glaube er erfuhr es auch erst hinterher - er dachte er schwimmt jetzt halt ein paar Bahnen.) Diesen Riecher, den die Trainerin da hatte; das Gespür für das richtige Timing - d.h. ihn nicht zu überfordern, aber zum richtigen Moment einen Motivationsschub zu geben - werde ich ihr auch nie vergessen.

Egal, wie sich das Ganze weiterentwickelt. Vielleicht schafft er irgendwann den Anschluss an eine Trainingsgruppe - vielleicht auch nicht; vielleicht will er irgendwann mehr schwimmen - vielleicht aber lieber aufhören. Aber allein das, was bisher war - hat ihn enorm gestärkt. Ihm gezeigt, wie das Leben, mit allen Hürden und Zähigkeiten funktioniert - und eben nicht immer ein gut gepolsteter Schonraum ist. Vor allem aber, dass er auf sich vertrauen kann, und manche Dinge einfach Zeit brauchen.

Vielleicht hat diese Entwicklung auch alle anderen Beteiligten - Trainer, andere Kinder, zuschauende Eltern - erfahren lassen, was möglich ist. Und sie berührt. Auch ihnen gezeigt, dass sie auf sich vertrauen können, und dass manche Dinge einfach Zeit brauchen.

Märchen entstehen halt nicht von ungefähr - sondern in kleinen Schritten, zahlreichen Wiederholungen, ehrlichen Gesprächen und regelmäßigen Pausen.

65 - Wenn dann doch mal was passiert.

Wenn man über Bewegung und (Kindes-)Entwicklung spricht, gibt es für mich ein Riesenthema:

Der Bewegungsradius. D.h. die Fläche/Raum, innerhalb derer/dessen ein Kind sich ohne Beaufsichtigung bewegen, hinfallen und sonstwie bewegungsmäßig ausprobieren darf.

Ich finde es superwichtig, dass dieser Radius sich am Kind orientiert - und nicht etwa nach starren Alterskategorien oder an den Ängsten der Eltern. Auch mit meinem Sohn lebe ich das so - der Impuls zur Vergrößerung kommt immer von ihm, und meine Rolle sehe ich höchstens darin, ihm aus dem Hintergrund heraus kleine Sicherheitsnetze anzubieten.

So ist er bereits in der ersten Klasse zum ersten Mal alleine mit im Rollstuhl ca. 1,5km zur Schule gefahren; oder auf einen Spielplatz, der ein paar Straßen weiter liegt; und vor ein paar Monaten, mit acht Jahren, hat er das erste Mal mit seinen Gehstöcken einen kleinen Einkauf erledigt. All diese Aktivitäten gingen von ihm aus; ich bin einfach z.B. die ersten Male mit Abstand auf dem Fahrrad hinterhergefahren, oder wir haben vereinbart, nach welcher Zeit ich ihm beim Einkaufen entgegengehen würde. Später hatte er dann ein Handy, mit dem er notfalls anrufen konnte.

Manchmal ist das natürlich aufregend, wenn solche Radien sich vergrößern. Aber für mich ist das eine der wichtigsten Erfahrungen für ein Kind - dass es sich in solche neuen Situationen, ohne eine direkte Bezugsperson wagt und dabei merkt, was es alles schaffen kann. Dass sein Umfeld ihm wohlgesonnen ist. Das Fremde helfen, wenn man sie anspricht. Ich finde diese Freiheit viel zu wichtig, als dass ich sie den üblichen es-könnte-ja-was-passieren-Ängsten opfern würde. Und ich habe bereits zuvor geschrieben, wie wichtig ich das insbesondere für Kinder mit Behinderungen finde - die ja tendenziell eh noch viel mehr überbehütet werden.

Darüber kann man natürlich wunderbar schreiben und reden und dabei mit dem Kopf nicken - aber diese ganze Haltung ist nur genauso viel Wert wie die Reaktion, wenn dann wirklich mal etwas passiert.

Wie gestern.

Mein Sohn wollte unbedingt mal wieder einen kleinen Einkauf machen - da noch genügend Zeit war, ließ ich ihn vor dem Abendessen mit seinen Gehstöcken losmarschieren.

Als etwa 40min später das Handy klingelte (ich hatte ihm für Hin- und Rückweg mit Puffer etwa 60min zugedacht), hatte ich schon irgendwie so eine Ahnung. Er war selbst dran. Ein wenig aufgeregt erzählte er mir, dass er auf dem Rückweg gestürzt war, sich die Lippe aufgeschlagen hatte, und eine Frau gerade den Notarzt gerufen habe. Nachdem ich erfahren hatte, wo er war (nur zwei Häuser weiter von uns), rannte ich los. Als ich ankam, war er von drei total fürsorglichen Nachbarn umgeben, und die heftige (Nasen!-)Blutung bereits gestillt. Er war sichtlich erschrocken, aber in keiner Weise ungewöhnlich.

Es blieb nicht viel zu tun. Ich war einfach für ihn da, sprach ruhig mit ihm, versuchte herauszufinden wie er gestürzt war, ob er Schmerzen hatte. Natürlich war ich ziemlich bewegt, aufgeregt, und mit Tränen in den Augen. Aber meine Botschaft in all dem an ihn war: Es ist ok; so etwas kann passieren. Das ist Teil des Lebens, des Bewegens, und der Wege, auf die man sich wagt.

Der Krankenwagen kam, aber ich hatte bereits den Eindruck, dass mein Sohn keine schwerwiegenden Verletzungen hatte. Die Sanitäter checkten die Nase, und überließen es meinem Gespür, was ich für nötig hielt. Zusammen brachten wir ihn nach Hause, wo er zu Abend aß und dann sehr bald in einen tiefen Schlaf fiel. Am Tag darauf waren der Schreck ganz, und die Schmerzen weitgehend verschwunden.

Da es das erste Mal war, dass ihm so etwas alleine passiert war, fragte er natürlich, ob er denn in Zukunft trotzdem wieder alleine irgendwo hingehen dürfe. Ich sagte ihm, dass er GERADE heute gezeigt habe, wie gut er mit Unvorhersehbaren umgehen kann; wie gut er sich zu helfen weiß, wenn etwas passiert; und wie super sich auch alle Beteiligten verhalten und ihm geholfen haben.

Natürlich wird er wieder losgehen dürfen, wenn er wieder so weit ist. Er hat mir gestern im Grunde nur bestätigt, dass ich mir um ihn keine Sorgen zu machen brauche. Auch wenn wieder etwas passiert.

Ich hoffe, dass er seinen Bewegungsradius weiter erforschen und seine Grenzen in seinem ganz eigenen Tempo herausfordern wird - und wünsche es allen Kinder auch. Was für eine kraftvolle und selbstkompetente Generation da heranwachsen könnte.

60 - Inklusion salonfähig machen - kleiner Sneakpeak!

Regelmäßige Leser diese Blogs haben es schon gemerkt: Meine Sicht auf Bewegung bekommt einen zunehmend inklusiven Charakter.

Oberflächlich betrachtet könnte man schließen: Ich bin halt "Betroffene", als Mutter eines behinderten Kindes. Klar, dass ich mich dadurch auseinandersetze, wie Menschen mit Behinderungen aktiv sein können.

Das stimmt einerseits - und andererseits nicht.

Es stimmt dahingehend, dass die Behinderung meines Sohnes den nötigen Funken des Interesses in mir entzündet hat, und mich natürlich bei der Stange hält.

Aber es stimmt in dem Sinne nicht, dass es der einzige Grund für mein Engagement in diesem Thema wäre. Denn dieser ursprüngliche Funke hat mir eine Welt des Bewegens und vor allem Bewegenlernens eröffnet - und mich realisieren lassen, dass JEDE(R) von uns in dieser inklusiven Welt ein besseres Leben haben kann, ob mit oder ohne Behinderung.

Und in dem Maße, in dem diese Welt um viele Bewegungsmöglichkeiten, -verbesserungen und erstaunlicher Lernprozesse größer wird - um so deutlicher wird mir, wie viel von dem Wissen aus dieser Welt gar nicht bei den Menschen ankommt, die es betrifft. Und in irgendeinem Bereich - betrifft es uns alle.

Inklusion ist nicht einfach Integration unter anderem Namen, oder eine politisch korrekte Mitleidsoffensive für vermeintlich schwächere Mitglieder unserer Gesellschaft. Inklusion ist nichts anderes als ein Grundzustand einer jeden Gesellschaft, Gemeinschaft und Interaktion zwischen einzelnen Menschen.

Wege zu finden, die wieder zu diesem bereichernden Grundzustand zurückführen; Berührungsängste überwinden; jeden einzelnen als Mensch mit individuellen Stärken zu honorieren - genau dazu will ich in Zukunft einen noch konkreteren Beitrag leisten.

Daher bin ich superstolz, hier eine kleine Vorankündigung zu machen: Aktuell arbeite ich an einem sehr gewagten Inklusions-Blog, der in Kürze live geht. Gewagt in dem Sinne, dass es eine Mischung sein wird aus gelebten und gelungenen und manchmal vielleicht sogar unerhörten Inklusionsbeispielen; top-notch-forefront-Wissen zu neuen Therapiemöglichkeiten und Prinzipien des Lernens für den Alltag - sowie den emotionalen und sozialen Aspekten der Inklusion. Was es nicht wird: Es geht mir nicht um die Entwicklung von theoretisch-technischen "Inklusionskonzepten" - denn ein Grundzustand braucht keine Konzepte.

Stattdessen will ich viele kleine und große Wunder feiern. Und erzählen wie man diese Wunder erzeugt.

In Kürze mehr - ich freue mich riesig!

 

53 - Noch mehr unbekannte, spekatukäre Heilungen.

Ich muss zugeben: Das neue Doidge-Buch über die Veränderbarkeit und Heilungsmechanismen des Gehirns bringt mich regelmäßig zum Weinen.

Nicht so sehr wegen der auf Neuroplastizität beruhenden sensationellen Heilungserfolgen, die er sehr eingängig zusammengestellt hat. Sondern wegen der völligen Unbekanntheit dieser Erfolge und der dahinterliegenden Prinzipien. Und wegen der Hoffnungen, die jeden Tag, überall begraben werden - wenn die Prognose "nicht heilbar" lautet.

Weil diese Prognose, wie fast jede Seite dieses Buches illustriert - möglicherweise aus reiner Unwissenheit gemacht wird.

Das, was mich dabei zusätzlich berührt, ist die völlige Entmysthifizierung dieser Prinzipien und ihrer Erfolge. Das ist nicht eines von diesen sensationsheischenden Büchern, die irgendwelche skurrilen Fallstudien aufbauschen - sondern ein sehr gut recherchiertes Buch, welches die Heilungserfolge sehr nüchtern analysiert und über neuroplastische Mechanismen zu erklären versucht. Kein Woo-woo - sondern gut erarbeitete Fallstudien, wissenschaftliche Evidenz, soweit vorhanden, und plausible Modelle.

Und zwar auf ganz vielen physiologischen Ebenen - nicht nur in Bezug auf das Gehirn und das ZNS.

Zum Beispiel im aktuellen Kapitel: Die therapeutische Wirkung von schwachem Laserlicht, speziell im Rot- und Infrarot-Bereicht. Eine wahnwitzige Bandbreite von klinischen Indikationen. Bis heute dachte ich zum Beispiel, dass bei Arthritis außer einem künstlichen Gelenk nichts zu machen ist - falsch gedacht, durch Bestrahlung des Gelenkes mit eben solchen schwachen Lasern lässt sich Knorpel wieder aufbauen (!). Nicht heilende Wunden und Geschwüre heilen aus, und chronische Entzündungen egal wo im Körper verschwinden. Nix mit Esoterik: Die Wirkung beruht auf lichtempfindlichen Molekülen, die Teil jeder Körperzelle des sind. Schließlich auch im Gehirn, weswegen der Einsatz solcher Laser auch geschädigte (inaktive oder asynchron feuernde) Areale im Gehirn wieder reanimieren kann.

Interessanterweise sind diese Wirkungen seit den 1960er Jahren in den damaligen Ostblock-Staaten viel weiter verbreitet - im Westen sind sie nach wie vor eher eine Nische. Der erste therapeutisch in den USA eingesetzte (Schwach-)Laser wurde 2002 (!) zugelassen.

Natürlich weine ich auch, weil mir immer klarer wird, dass in Bezug auf den Zustand meines Sohnes bei Weitem noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. In meinen Tränen steckt eine Mischung aus Reue, nicht früher von all diesen Dingen erfahren zu haben und der Angst und Ungewissheit, ob sich durch mein neues Wissen wirklich etwas für ihn ändern kann. Und vielleicht ist hier ein sensibler Bereich, und ein weiterer Grund, warum solche vermeintlich überraschenden Heilungserfolge sich so langsam oder gar nicht ausbreiten. Es mag provokant klingen, aber: Es hat auch etwas sehr Komfortables, wenn man sich auf die Prognose "unheilbar" zurückziehen kann. Denn dann entfällt die ganze Mühe, mit der man weiterkämpfen, recherchieren, ausprobieren, herumreisen und lernen müsste. Eine Mühe, die voller Ungewissheit und Angst ist, und nicht mit Garantie für Erfolg daherkommt.

Ja, es ist verdammt anstrengend, an "Wunder" zu glauben und viel mehr noch auf sie hinzuarbeiten. Häufig ist es auch sehr einsam, wenn man den therapeutischen Mainstream verlässt und sich in komplexe physiologische Materie einarbeitet. Noch viel anstrengender ist die Geduld, die man für diese Recherchen und das Ausprobieren braucht. Vor allem wenn das eigene Kind dann doch nicht mitmachen mag, und man sich gemeinsam kleine Veränderungen überlegen muss.

Aber irgendwann kann man nicht mehr anders. Irgendwann überwiegt die Faszination über den menschlichen Körper. Vielleicht geht es dann auch gar nicht mehr so sehr um Wunder - sondern darum, einfach besser zu verstehen, was in diesem Körper so vor sich geht und was irgendwann mit ihm sein kann. Und dieses Wissen nach und nach weiterzugeben, immer mehr Menschen davon profitieren zu lassen. Doidges großes Können besteht zum Beispiel darin, hochtrabende medizinische Zusammenhänge in gut lesbare Sprache übersetzen zu können - und sie damit einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dafür bin ich dankbar - und werde gerne weiterhin, immer wieder, weinen.

 

48 - Das Drama des inklusiven Kindes.

Heute fragte ich meinen Sohn, welches Thema er für den heutigen 100-Tages-Challenge-Artikel interessant fände. Sollte möglichst irgendwie mit dem Körper zu tun haben.

Spontan schlug er seinen halben Sturz neulich von einer Treppe in einem Schwimmbad vor.

Ich war ein wenig überrascht, dass er sich so "gerne" daran erinnern wollte.

Ich hatte den Sturz nicht gesehen. Ich war zwar auch mit im Schwimmbad gewesen; da ich aber noch zu tun hatte war ich schon nach einer Stunde aus dem Wasser gegangen und hatte mich zum Arbeiten auf eine Empore gesetzt. Mein Sohn blieb im Wasser und kam ein paar Mal zu mir hoch. Beim letzten Runtergehen war er vom Handlauf abgerutscht und ein paar Stufen gefallen. Er hatte sich beim Stürzen aber gut abgefangen; ich konnte zwar die Treppe von meinem Platz aus nicht einsehen - sah in aber ein paar Augenblicke später völlig unbeschadet zum Schwimmerbecken krabbeln und ein paar Bahnen schwimmen.

Im Nachhinein glaube ich, dass der Sturz ihn zwar natürlich ein wenig erschreckt hat - aber irgendwo auch gestärkt, und stolz gemacht. Das Fallen war ein Zeichen dafür, dass er alleine im Schwimmbad unterwegs war; dass eben niemand direkt neben ihm stand und ihn vom Hinfallen abhielt.

Fallen gehört zum Bewegen und lebending sein. Fallen will genauso gelernt und geübt werden wie alles andere.

Wieder ist mir durch seine Themen-Impuls bewusst geworden, wie sehr er tagtäglich vom Fallen abgehalten wird.

Gerade erst neulich etwa - als der Mitarbeiter des Mobilen Sonderpädagogischen Dienstes einen seiner zwei Besuche pro Schuljahr absolviert hatte. Dieser Dienst unterstützt reguläre Schulen dabei, Inklusion im Unterricht umzusetzen. Nach dem Besuch bekam ich (mal wieder) von ihm per Email eine Liste von Dingen, die er empfehlen würde - eine davon: Dass an Finnans Rollstuhl immer der Kippschutz ausgefahren sein sollte, um ihn vor Stürzen auf den Hinterkopf zu bewahren.

OK - dann sollten vielleicht alle Kinder immer mit Helm und Rückenprotektoren durch die Welt laufen? Ich lasse Finnan grundsätzlich selbst entscheiden, wie er sich im Rollstuhl sichert - er benutzt schon lange keinen Kippschutz mehr. Das Problem am Kippschutz ist, das man dann den Rollstuhl nicht mehr gut nach hinten kippen kann, um z.B. Kantsteine oder andere Erhöhungen hochzukommen. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal überhaupt mal nach hinten gefallen ist; und wenn, dann weiß er, wie er sich gut abfangen kann.

Zugegeben: Auch gesunde Kinder werden heutzutage oft überbehütet und vor allen gefährlichen Situationen bewahrt. Aber bei Kindern mit Behinderungen steigert sich das zu einem richtigen Drama: Ich habe das Gefühl, dass ihnen nicht ein einziger Fehltritt vergönnt ist. Jedes Risiko wird im Keim erstickt. Wenn etwas nicht sofort todsicher funktioniert, dann wird es sofort für ungut befunden. Kinder mit Behinderungen bekommen im realen Leben kaum eine Chance, zu scheitern.

Mein Sohn schwamm seine Bahnen, und kam dann erneut hoch zu mir. Ruhig und sachlich erzählte er mir von seinem Sturz, und wie es ihm damit ergangen ist. Er machte eine Frau nach, die den Sturz gesehen und total blöd geguckt habe. Wir mussten beide sehr lachen, als er ihren Gesichtsausdruck nachmachte. Wir schauten an, wo er draufgefallen war und wo es weh tat. Ich drückte ihn - und so komisch es klingt, aber ich freute mich für ihn.

47 - Ok der wahre Grund, warum effektive therapeutische Methoden unbekannt bleiben.

Im gestrigen Artikel schwang für mich etwas nach - etwas, was über die Idee hinausging, dem chronischen Schmerz die neuronalen Ressourcen zu entziehen.

Es hatte eher mit dem Ende des Artikels zu tun: Warum weiß eigentlich niemand im Alltag, in der therapeutischen Praxis - von all den bahnbrechenden Erkenntnissen und Erfolgen neuroplastischer Therapieansätze?

Komplexität hin oder her: Es gibt einen ganz bestimmten Grund dafür - den ich in meinem gestrigen Post noch nicht erwähnt hatte.

Interessanterweise - wurde er mir gleich im nächsten Kapitel von Norman Doidges neuem Buch geliefert.

Dieses zweite Kapitel - wieder so bahnbrechend. Ein Parkinson-Patient schafft es mit einer bestimmten Art von simplen, aber bewusst durchgeführten Gehen, sämtliche motorischen Symptome dieser Krankheit in den Griff zu kriegen. Wenn man bedenkt, wie Parkinson-Erkrankte sich normalerweise bewegen und zittern - ein absoluter Hammer.

Nun könnte man meinen, dass seine Entdeckungen einen Siegeszug durch die Parkinson-Gemeinde feiern müssten. Und tatsächlich sah es zunächst ganz danach aus: Er fängt an, sich an Parkinson-Gruppen in seinem Heimatland zu wenden, engagiert sich dort, und kann seine eigenen Erfolgen auch auf andere Patienten übertragen.

Aber dann.

Irgendwann beginnt es, in eben jener nationalen Parkinson-Community zu grummeln. Ärzte, die ihn nicht auch nur im Entferntesten untersucht haben, fangen an zu verbreiten, dass er gar kein echtes Parkinson habe, sondern nur Parkinson-ähnliche Symptome. Sein Buch, das auf seinen Heilungserfolgen beruht, wird in der Community unterminiert. Er wird dazu gedrängt, sein Engagement in der Community aufzugeben.

Die Leute nehmen ihm nicht ab, dass er mit dem simplen Akt des Gehens etwas geschafft haben könnte, was kein sonst eingesetztes Medikament geschafft hat. Es ist als wollten sie es nicht wahrhaben.

Ich musste an die Situation mit meinem Sohn denken, in der ich regelmäßig so etwas erfahre. Zum Beispiel erst dieses Jahr: Im Frühjahr dieses Jahres waren wir bei einem Orthopäden - zum ersten Mal, auf Empfehlung (ich bin immer auf der Suche nach Ärzten, die das große Bild sehen wollen und nicht nur die einzelnen Körperteile meines Sohnes - was sehr selten zu finden ist). Er untersuchte meinen Sohn, und bei der Anamnese gab ich an, dass mein Sohn schon seit zwei Jahren keine konventionelle Physiotherapie mehr erhalte und ich selbst mit ihm arbeite.

Der Arzt - verschrieb Physiotherapie und bestellte uns ein halbes Jahr später wieder ein.

Das Ergebnis der zweiten Kontrolle war selbst für mich besser als erwartet. All die Anfälligkeiten, die bei Zerebralparesen auftauchen können - kein Problem (allein die Füße sind auffällig - da muss ich mir noch was Gutes überlegen). Der Rücken kräftig, keine Kontrakturen in den Beinen, Knie- und Hüftgelenke absolut in Ordnung.

Natürlich hatten wir das Physiotherapie-Rezept nicht genutzt. Natürlich hatten wir einfach so weitergemacht wie vorher.

Der Punkt war: Der Arzt hat NIE, an keiner Stelle, danach gefragt. Weder hat er gefragt, ob mein Sohn in der Zwischenzeit physiotherapeutische Sitzungen bekommen hatte - noch, was wir sonst so mit ihm machen.

Warum wollte er das nicht wissen? Wenn ein Kind in einem für seine Behinderung bemerkenswert guten Zustand daherkommt - warum will ich als Arzt nicht herausfinden, woran das liegen könnte?

Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen; ich kann lediglich spekulieren.

Meine Erfahrung zeigt mir, dass Ärzte sich nicht besonders wohl damit fühlen, ihre Patienten als Partner zu akzeptieren; insbesondere dahingehend, um mit ihnen gemeinsam an therapeutischen Lösungen zu arbeiten. Die meisten mögen es nicht, wenn man ihr medizinisches Weltbild herausfordert - insbesondere, wenn man mit einfacheren Mitteln als den allgemein ärztlich akzeptierten daherkommt. Ich erlebe es oft, das Ärzte mich am liebsten wie ein Kind behandeln, das am besten nicht zu viel erzählen und lieber ihren "Verordnungen" folgen soll.

Und in genau dieser Problematik bleiben meiner Vermutung nach viele revolutionäre neue Therapieansätze stecken.

Das ist bitter.

Man könnte es schulterzuckend als Teil des Lebens hinnehmen - wenn nicht so wahnsinnig viel auf dem Spiel stehen würde. Die meisten Arzt-Patienten-Beziehungen sind nicht nur suboptimal - sie sind ein Skandal.

Nun ist es nicht so, dass nicht auch Patienten ihren Anteil daran haben - auch in dem von Doidge beschriebenen Parkinson-Fall ging der Widerstand zu einem großen Teil von den Erkrankten aus. Viele Patienten sind verängstigt, wenn sie mit Diagnosen und Prognosen konfrontiert werden - und wissen oft nicht anders, als einem Halbgott in Weiß zu folgen.

Daher haben beide Seiten die Chance, sich zu bewegen: Patienten müssen aus der Opferrolle herauskommen und anfangen, sich in den für sie relevanten Bereichen medizinisch zu informieren und Expertise aufzubauen. Jeder ist per se der beste Experte für sich selbst - diese Haltung braucht es.

Ärzte dürfen sich von dem Druck befreien, auf alles eine Antwort haben zu müssen. Eine partnerschaftliche Zusammenarbeit und die Ermutigung, dass der Patient durchaus sehr viel Kompetenz für sich selbst mitbringt, kann einem Arzt das Leben deutlich einfacher machen. Warum z.B. einem Patienten nicht mal Literatur über seine Krankheit mitgeben, oder ihn mit einer wissenschaftlichen Recherche beauftragen.

Einfach weil so wahnsinnig viel auf dem Spiel steht - und damit nicht noch mehr Heilungspotential irgendwo unnötig stecken bleibt.

 

36 - Wir sind alle behindert - zumindest relativ zur Anforderung gesehen.

Es gibt diesen mittlerweile leicht ausgelutuschten Inklusions-Spruch: dass jeder Mensch irgendwie behindert ist.

Ausgelutscht deswegen - weil es ein relativ bemüht provozierender und politisch korrekter Versuch ist, Menschen mit "echten" Behinderungen von allen anderen Menschen nicht abzugrenzen. Z.B. wird in diesem Schema dann Kurzsichtigkeit als Sehbehinderung eingestuft.

ich würde gerne zeigen, warum dieser Spruch aber eigentlich seine volle Berechtigung hat - und wie weitreichend die Konsequenzen sind, wenn man ihn zur Abwechslung mal gründlich durchdenkt.

Es fängt mit der inklusiven Sichtweise auf Behinderung an - der Fachbegriff ist "Soziales Modell der Behinderung". In diesem Paradigma hat Behinderung nichts mit den motorischen und geistigen Fähigkeiten eines Menschen zu tun - sondern mit dem Ausmaß, mit dem äußere Faktoren ("Barrieren") ihn vom Bewältigen und Genießen seines Lebens abhalten. Das können einerseits konkrete physische Hürden sein (z.B. Treppen für Rollstuhlfahrer), aber auch Vorurteile und Berührungsängste, die es ihm schwer machen, Freundschaften aufzubauen; oder auch berufliche Anforderungen, die ihm den Zugang zum Arbeitsmarkt erschweren.

Wenn man diese Sichtweise jetzt verallgemeinert - dann bedeutet Behinderung nichts anderes, als eine Diskrepanz zwischen den Anforderungen des Umfeldes und den eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten.

Diese Diskrepanz - gibt es für jeden von uns, an ganz vielen Stellen. Allein auf der körperlichen Ebene: Wenn ich zum Beispiel keinen Rückwärtssalto kann - dann bin ich behindert, denn ich kann nicht an akrobatischen/gymnastischen/Parkour-Aktivitäten teilnehmen. Wenn ich nicht Schlittschuhlaufen kann, kann ich mich nicht besonders gut und schnell auf Eis bewegen. Wenn ich keine gute Ausdauer habe, dann kann ich nicht schnell irgendwo hinrennen. Wenn ich keine gute Hüftmobilität und -kraft habe, kann ich möglicherweise nicht schmerzfrei und nicht besonders weit gehen.

Diese Behinderungen merken wir im Alltag nicht so sehr, denn normalerweise umgehen wir sie mit Leichtigkeit. Ich gehe einfach nicht zum Turnen oder ins Parkour-Training; ich gehe nicht zum Eislaufen, und statt rennen oder gehen kann ich autofahren oder einfach weniger rausgehen. Das ist der Unterschied zur "echten" Behinderung, bei der die Barrieren so alltäglich sind, dass man sie nicht mehr umgehen kann.

Man muss sich aber klar sein, dass in beiden Fällen die Behinderung real ist. Und eben nicht nur ein provozierendes inklusives Konstrukt. Die Frage dabei ist: Wie groß ist der Umfang an Aktivitäten und Umfeldern, die mir durch meine ganz persönlichen Behinderungen verschlossen bleibt?

Und andersrum: Wie kann ich mir mehr dieser Aktivitäten und Umfelder erschließen - und damit mehr Freiheit und Genuss - in dem ich Neues lerne und neue Bewegungsfähigkeiten erwerbe?

Auch DAS gilt für alle Arten von Behinderungen - egal wie schwer und egal seit wie langer Zeit schon. Genauso, wie ich versuchen kann, mich Schritt für Schritt an einen Rückwärtssalto heranzuüben - genauso kann auch ein Mensch mit schweren Behinderungen lebenslange Erweiterungen seiner sensorischen und motorischen Fertigkeiten erleben.

Und vielleicht muss letzteres noch viel mehr in unser Bewegungsverständnis einsinken - als die Tatsache, dass jeder halbwegs gehfähige Mensch das Schlittschuhlaufen lernen kann. Denn das ist auch klar: "Relativ" ist IMMER unabhängig von der Ausgangssituation.

 

35 - "Diversity" hat nicht nur mit Hautfarbe zu tun.

Ich bin normalerweise wenig anfällig dafür, irgendwelche Superstars anzuhimmeln - aber eine aktuelle Ikone hat es mir ziemlich angetan: Die Ballerina Misty Copeland. Ihre jüngsten Erfolge beinhalten eine Beförderung zur ersten schwarzen Primaballerina am American Ballet Theatre, die Veröffentlichung eines Bestsellers und nun auch Films, und eine weiterhin sehr erfolgreiche Sponsoring-Liaison mit dem immens wachsenden Sportbekleidungshersteller und Fitnesscommunity-Giganten Under Armour.

Über letztere Rolle bin ich ursprünglich auf Misty aufmerksam geworden. Genauer gesagt: auf ihre klare, direkte und durchschlagende Story: Dass sie es trotz ihrer Hautfarbe, einem Ballett-untypischen muskulösen Körper, einem sehr späten Start ins Ballett UND wenig Support durch ihre Familie in die Weltspitze der sonst sehr weißen und zarten Ballettelite geschafft hat.

Und in der Tat ist es ihr neben ihrer Karriere als Tänzerin das allergrößte Anliegen, Diversity - also kulturelle Vielfalt - ins Ballett zu bringen.

Das richtet sich vorwiegend auf die Hautfarbe und den dazugehörigen Körperbau - in einer Welt, die von blassen Hauttönen, magersüchtig aussehenden Körpern und zierlichen, akkuraten aschblonden Dutts geprägt ist.

Ich feiere sie innerlich für ihren Einsatz - dafür, dass sie, komme was wolle, ihre Stimme erhebt und ihre zunehmende Popularität für die zunehmende Verbreitung ihrer Vision benutzt.

Wobei die fehlende Diversifizierung im Ballett - noch viel weiter geht.

Denn ist nicht nur unüblich, Frauen mit dunkler Hautfarbe im Ballett zu sehen. Sondern auch große Frauen. Oder Frauen, die erst im Erwachsenenalter mit Ballett angefangen haben. Von Männern ganz zu schweigen. Oder gar Menschen mit Behinderungen.

Und Ballett ist nur ein Beispiel. Jede Sportart und jede Art von Bewegungskultur bedient einen relativ eng umrissenen Körper-Prototypen.

Ich hoffe, dass Misty Copeland eine Reihe weiterer Diversifizierer nach sich zieht - Sportler, Trainer, Amateure, Alltagsbewegungskünstler - die ein breites Spektrum von Vorbilder für alle darstellen. Denn natürlich werden wir in Bezug auf Bewegung von dem geprägt, was wir sehen - oder eben auch, was wir nicht sehen.

ich hoffe, dass ich Misty Copeland noch möglichst lange anhimmeln kann. Und neben ihr ganz viele andere.

 

33 - Schritt für Schritt die Komfortzone verlassen (und zwischendurch auch mal rutschen und hinfallen).

Vorbemerkung: Mein Sohn hat mich gebeten, heute über ihn und unsere heutige Bergwanderung zu schreiben.

Bewegung bekommt für mich dann eine neue Qualität, wenn sie neue Lösungen im Alltag bereitet. Wenn sie sich klein genug stückeln lässt, um auch außerhalb von Komfortzonen Sicherheit zu geben.

Eigentlich sollte der Abstieg von unserem heutigen Hüttenziel eher ein Spaziergang werden: nicht zu steiler Forstweg und dann Anschluss an einen Höhenwanderweg.

Ich weiß nicht, ob es an dem Glühwein zum Mittagessen lag - auf jeden Fall habe ich mich bei der Beschilderung schlicht vertan. Es gab zwei Wege zu unserem Ziel im Tal - den geplanten Forstweg und einen Steig.

Da ich diesen Abstieg noch nicht kannte, wusste ich von dieser Unterscheidung nichts, und auf dem Schild stand auch nichts von Steig - auch wenn es denn gleich über eine Kuhweide ging. Pflichtbewusst fragte ich Ortskundige nach der Beschaffenheit des Weges - die eher skeptisch antworteten. Ich besprach mich mit meinem Sohn - der es unbedingt probieren wollte. Ein entgegenkommender Durchtrainierter fragte noch eindringlich, ob wir den Weg den schon mal gegangen seien - ich sagte nein, dass ich mit einen schwierigen Wegstück rechne und zur Not halt umkehren würde. Zwei uns überholende Wanderer boten an, den Rollstuhl über die erste schwierige Passage zu tragen (wieso sagte uns eigentlich keiner, dass es auch eine einfachere Route gibt?) - ich nahm dankbar an, denn so konnte ich mich darauf konzentrieren, meinem Sohn eine stabile Hand zu geben; mit seiner anderen Hand stützte er sich auf seinen Gehstock.

Es war nass, steil, sehr uneben und nicht besonders befestigt.

In so einer Situation kann man zurückschrecken, vielleicht gar nicht gehen, oder zumindest nervös werden. Aber wenn man sich von der Gesamtsituation ein wenig distanziert, dann lässt sich diese Bewegungsaufgabe inklusive aller Umstände in kleine Bewegungskomponenten zerlegen. Und damit bewältigen.

In diesem konkreten Fall hieß das: Sehr kleine und langsame Schritte machen. Ich musste damit rechnen, dass mein Sohn mehr rutschen würde als ich - also musste ich immer eine Nuance vor ihm sein, während ich sehr nah an seiner Seite war, um nicht zu sehr an seiner Hand ziehen zu müssen. Er musste seinen Gehstock sehr eng bei sich auf dem Boden platzieren, damit dieser nicht rutschen konnte.

Wir erreichten den Rollstuhl, er setzte sich hinein - aber nach ein paar Schritten merkten wir, dass der Weg noch zu unwägbar war, und das Gewicht des Rollstuhls + meines Sohnes mich ins Rutschen brachte. Also eine Art Kreuzen: Meinen Sohn kurz auf einer (leeren) Wasserrinne mit Stufe parken und Rollstuhl ein Stück runtertragen. Dann Sohn holen. Repeat.

Es kam wieder ein Wanderer vorbei und bot uns an, den Rollstuhl das letzte Stück des Steigs mit runter zu nehmen. Wieder nahm ich dankbar an. (Der Typ joggte runter, während er den Rollstuhl in seinen Armen hielt - ich schätze mal, man zieht solche Menschen einfach an, wenn man sich erstmal auf den Weg gemacht hat!)

Dann der Ermüdungsfaktor - mein Sohn war diese Art von abwärts gehen, noch bei solchen Wegverhältnissen, einfach nicht gewöhnt - dafür hielt er sich sensationell. Am Ende trug ich ihn dann doch noch ein wenig - etwa zwei gleich lange Stücke auf je beiden Beckenseiten. Dann endlich der Anschluss zum Forstweg.

Das, was manche Wanderer in vielleicht 10 Minuten schaffen - hat uns eher eine Stunde abgezollt. Oder eher geschenkt. Denn was für ein Bewegungsreichtum - und die "Lösung" dieser Bewegungsaufgabe machte meinen Sohn stolz wie kaum jemals sonst. Klar fiel er ein paar Mal hin, und klar sahen wir und der Rollstuhl aus, als hätten wir uns einmal im Matsch gewälzt - aber was für ein Glücksgefühl.

Vielleicht sind es genau solche Bewegungsherausfoderungen, für die man erstmal kein Skript hat, die Bewegung einen Grund geben.

32 - Nur weil es auf Erfahrung basiert, ist es nicht unbedingt gut: Über das Sitzen und keulenschwingende Diskussionen.

Wenn Themen im Bereich der Gesundheits- und Trainings-Communities kontrovers diskutiert werden, dann wird in der Argumentation meistens eine oder eine Kombination der folgenden vier Keulen rausgeholt:

  1. Wissenschaftliche Evidenz
  2. Verweis auf Autoritäten (Gurus, Koryphäen, Hersteller, Anbieter)
  3. Eigene langjährige Erfahrungen ("Haben wir schon immer so gemacht")
  4. [Leider viel zu selten]: Eigene oder zumindest selbst nachvollzogene mathematische Modellierungen, grobe Abschätzungen und Berechnungen

Daran musste ich vor einiger Zeit mal wieder denken, nach dem ich ein längeres Gespräch mit einem Mitarbeiter eines Reha-Geschäftes, nennen wir es "A", führte. Hintergrund war, dass mein Sohn in absehbarer Zeit einen neuen Rollstuhl kriegen sollte - und es ging um die Beschaffenheit des Sitzes darin.

Standardmäßig haben Rollstühle eine feste Bespannung als Sitzauflage, auf der die Sitzpolster/-Kissen aufliegen:

Beispiel einer Sitzbespannung (hier ohne die Sitzauflage, die noch oben drauf kommt) für einen Kinderrollstuhl, Hersteller Pro Aktiv (http://www.proactiv-gmbh.de/rollstuehle_sitz_body_contour.html)

Beispiel einer Sitzbespannung (hier ohne die Sitzauflage, die noch oben drauf kommt) für einen Kinderrollstuhl, Hersteller Pro Aktiv (http://www.proactiv-gmbh.de/rollstuehle_sitz_body_contour.html)

Die Argumente dafür: Dadurch, dass die Unterlage immer etwas mitschwingt, ist das Sitzen/Fahren komfortabler, weniger belastend für die Bandscheiben, und die Wahrscheinlichkeit für Druckstellen nicht so hoch.

Jetzt hatte mein Sohn in den Jahren davor allerdings eine durch ein anderes Reha-Haus "B" gebaute Lösung unter seinem Popo: Statt der Bespannung eine Glasfaserplatte, und oben drauf noch eine maßangepasste Sitzschaumauflage:

Sitzschalenkonstruktion mit Glasfaserplatte (dunkel eingefärbt) und Sitzauflage, Hersteller 4ma3ma (http://www.4ma3ma.de/4ma3ma/images/sitzengr/Sitzen-2.jpg)

Sitzschalenkonstruktion mit Glasfaserplatte (dunkel eingefärbt) und Sitzauflage, Hersteller 4ma3ma (http://www.4ma3ma.de/4ma3ma/images/sitzengr/Sitzen-2.jpg)

Es handelt sich hierbei um eine Eigenentwicklung dieses betreffenden anderen Reha-Hauses "B"; man kann damit die Bespannung von Standard-Rollstühlen einfach ersetzen. Die Idee: Durch die festere Auflage und den angespassen Sitzschaum lässt sich die Sitzposition besser stabilisieren.

Nun ging es also darum: Was sollte mein Sohn für die nächsten Jahre bekommen.

Der Mitarbeiter des Geschäfts A, mit dem ich in dem hier beschrieben Gespräch war, hatte schnell klargestellt, dass die hauseigene Werkstatt nicht dafür ausgerüstet war, eine individuell angepasste Sitzeinheit zu bauen - auch war die entsprechende Expertise nicht im Hause. Außerdem war er der Ansicht, dass mein Sohn eine solche Konstruktion gar nicht unbedingt brauchte. Und die meisten Menschen, die einen Rollstuhl haben, auch nicht - solange sie in der Lage sind, sich selbst einigermaßen im Rollstuhl zu positionieren.

Ich legte (gefühlt) den Kopf nachdenklich schief und ließ vor meinem inneren Auge ein biomechanisches Modell entstehen. Insbesondere: Was es für die Stabilisation des Beckens bedeutet, ob eine Sitzunterlage immer leicht durchhängt (wie bei der Bespannung) oder eben nicht (wie bei der Glasfaserplatte).

An dieser Stelle kann man den Spezialfall des Rollstuhls getrost verlassen und die Frage verallgemeinern: Was ist eigentlich gutes Sitzen?

Halten wir es einfach: Ein funktionell optimales Sitzen ist dadurch gekennzeichnet, dass das Becken in Neutralstellung steht und über die Sitzknochen Kontakt mit der Sitzfläche haben, und die Wirbelsäule ihre natürliche Kurvenform hält:

(Von http://www.tfmstudio.com.au/posture/correct-sitting-posture/)

(Von http://www.tfmstudio.com.au/posture/correct-sitting-posture/)

Wie man aus dem Bild schon folgern kann: Diese Position braucht das Widerlager der Sitzfläche, um das Becken entsprechend stabilisieren zu können (und zwar auch ohne, dass man ständig daran denkt). Eventuell braucht sie sogar eine leichte Steigung nach hinten (zur Lehne hin), um diese Beckenposition bei habituell kurzer hinterer Oberschenkelmuskulatur überhaupt erst möglich zu machen.

Diese und andere habituelle Verkürzungen; also durch Lebensgewohnheiten veränderte Haltungsmuster generell, führen allerdings dazu, dass die meisten Menschen in ihrem Alltag, am Schreibtisch, beim Essen, im Auto, beim Trinken auf dem Barhocker eher so sitzen:

(Von http://www.tfmstudio.com.au/posture/sitting-posture-patterns/)

(Von http://www.tfmstudio.com.au/posture/sitting-posture-patterns/)

In diesem Falle ist das Becken nach hinten gekippt; man sitzt halb auf dem hinteren Teil der Sitzhöcker, halb auf dem Steißbein. Was letzteres gar nicht gut findet. Der Lendenwirbelbereich hat die natürliche Lordose verloren; und alles, was darüber kommt (Brustwirbelbereich, Brustkorb, Schultergürtel, Halswirbelbereich) hat die neutrale Ausrichtung ebenfalls verlassen. Irgendwann tut dann irgendwas in dieser Kette weh (also nicht unbedingt das Becken - sondern vielleicht eher der Nacken).

Man kann aus diesen Bildern jetzt auch die Wirkung einer nicht-festen Sitzfläche verstehen. Durch das Körpergewicht entsteht eine Art Mulde - in der das Becken höchstens durch große Anstrengung in der Neutralposition gehalten werden kann. Genau das passiert nicht nur auf Rollstühlen, sondern auch auf Campinghockern, Sofas, Sesseln, Essstühlen und in Autositzen.

So, und jetzt kommt der lang erwartete Knackpunkt. Mit diesem Wissen um das korrekte Sitzen - heißt das EBEN NICHT, dass alle Sitzmöbel in unserem Alltag eine feste, die optimale Sitzausrichtung fördernde Sitzauflage haben.

Sitzmöbel werden nicht für gutes Sitzen gebaut.

Denn Designer und Hersteller von Sitzmöbeln gehen nicht danach, was die Ausrichtung fördert - sondern was von den meisten Menschen gekauft wird. Und gekauft wird das, was sich bequem anfühlt und auch in allen anderen Aspekten einen kleinsten gemeinsamen Nenner darstellt. Und wenn ein Großteil der Kundschaft schon per se durch gängige Lebensgewohnheiten und generell zu viel Sitzen in einer nicht-optimalen Ausrichtung steht/sitzt/geht/läuft/springt - dann wird das Sitzmöbel-Angebot sich dementsprechend anpassen. Die Norm - liegt im Bereich der Dysfunktion.

Genau das versuchte ich, dem Reha-Haus-Mitarbeiter zu erklären (Keule Nr. 4). Worauf er die Keule Nr. 3 zückte, und auf die Erfahrung mit den eigenen Kunden verwies, die mit der standarmäßigen Bespannung gut versorgt seien. Ich traute mich nicht darauf zu verweisen, dass diese Erfahrung doch vor allem darauf basiert, dass er gar keine Erfahrung mit festen Sitzflächen haben kann, weil die hauseigene Werkstatt sie gar nicht herstellt. Kam mir zu konfrontativ vor. Stattdessen regte ich vorsichtig an, trotz dieser Erfahrungen die biomechanische Betrachtungsweise heranzuziehen (also zurück zu Keule 4.). Er verwies auf die größten Rollstuhlhersteller, die sich schon seit Langem mit diesem Thema beschäftigen und nicht umsonst die Bespannungsvariante wählen (Keule Nr. 2 - Autoritäten). Und überhaupt habe er mal eine Fortbildung bei XY gemacht, und so einfach sei das mit dem Sitzen gar nicht (nochmal Keule Nr. 2 - Guru/Koryphäe). Ich hörte ihm eine Weile nur zu - was ihn irgendwann dazu einlenken ließ, dass es ja toll ist, wenn jemand sich so damit auseinandersetzt wie ich. Ich verwies versöhnend auf die Komplexität des Themas, und darauf, dass sich in den letzten Jahrzehnten viele Forschungserkenntnisse ergeben haben, die noch gar keinen Eingang in die therapeutische und Versorgungs-Praxis gefunden haben - und dass andererseits viele Ansätze noch gar nicht erforscht sind (mäßig gelungene Anwendung von Keule Nr. 1). Davon ließ er sich wenig beeindrucken und kam wieder mit Keule Nr. 3. Am Ende einigten wir uns darauf, dass sowieso alles sehr individuell ist und es auf den Einzelfall ankommt (der gängigste Ausgang einer solchen Diskussion, wenn alle Keulen genügend oft geschwungen wurden). Anschließend verabschiedete er sich, weil er weiterarbeiten müsse.

Und mein Fazit aus der ganzen Sache?

  • Man sollte nie aufhören, besser verstehen zu wollen, was man eigentlich so macht. Man sollte die eigenen Ergebnisse nicht nur durch die Empirie an sich, sondern auch durch ein entsprechendes, gerne auch zunächst sehr einfaches, Modell zu erklären versuchen. Denn das könnte einen auch auf unerwartete neue Lösungen stoßen.
  • Wenn man sich auf jahrzehntelange Erfahrungen beruft, sollte man nicht übersehen, mit welchen Filtern und Bias man die eigenen Ergebnisse bewertet.
  • Man sollte sich gut überlegen, ob man mit potentiellen Kunden unbedingt argumentative Keulen schwingen muss - oder stattdessen nicht vielleicht einfach zuhört und versucht nachzuvollziehen. Und das als Teil der Arbeit ansieht - statt als deren Unterbrechung.
  • Normen entsprechen nicht unbedingt dem Optimum - sondern dem kleinsten gemeinsamen Nenner der Mehrheit. Das gilt nicht nur fürs Sitzen - sondern auch für Bewegungsumfänge, offizielle Ernährungsempfehlungen und Arbeitsplatzergonomie.

Wir werden aus guten Gründen bei der maßangepassten Sitzeinheit bleiben. Und dafür sehr weit fahren müssen, weil kaum ein Reha-Geschäft diese bisher anbietet. Ich hoffe, dass es für die Zukunft der Sitzmöbel weniger um Verteidigung der bisherigen Erfahrungen und dysfunktionalen Normen - sondern mehr um Lernen, Innovationen und Unterstützung besserer Ausrichtung geht.

 

 

 

 

18 - Der Fluch der Dauer-Pathologisierung

Körperliche Beschwerden, Krankheiten und Behinderungen sind nie etwas Absolutes. Sie sind vielmehr höchst relativ - relativ zur Vorgeschichte, zu früheren Prognosen, zum Umfeld, und sogar relativ zum Betrachter.

Das ist nicht etwa eine kontemplativ-philosophische Betrachtungsweise - sondern eine mit sehr heftigen alltagspraktischen Konsequenzen. Denn wenn ein Mensch mit einer Behinderung dauernd gesagt bekommt, was er nicht kann und dauerhaft in eine Armada aus therapeutischen Maßnahmen gedrängt wird - dann wird das irgendwann sein Bild von sich selbst prägen, und das, was er sich zutraut. Eine ständige Pathologisierung seines Zustandes kann ihn innerlich zerbrechen lassen - obwohl er vielleicht eigentlich sehr wohl ich der Lage wäre, auf seine Art ein relativ gutes und normales Leben zu leben.

Diese Differenzierung ist schwierig, weil - sobald man in der Diagnostik/Therapie/Förder-Mühle ist - insbesondere von medizinisch-therapeutischer Seite oft ein mehr oder weniger subtiler Druck entsteht, den man schwer ignorieren kann. Es schwingt immer so etwas mit, dass man unverantwortlich handelt, wenn man den Empfehlungen und Verordnungen der Ärzte nicht folgt. Es erzeugt unterschwellige Angst, ob man nicht später die eigenen Entscheidungen bereuen könnte.

Daher bin ich dankbar, ab und zu einen Moment lang schwarz auf weiß zu sehen, wie wichtig es ist, bei sich zu bleiben und sich solchen Pathologisierungsversuchen zu widersetzen.

Manchmal reicht ein Satz dafür.

Hier ist ein Auszug aus dem Arztbericht nach der letzten audiopädiatrischen (=HNO-Untersuchung, Hör-/Sprachtests) Verlaufskontrolle meines Sohnes im Frühjahr dieses Jahres:

Und hier ein Auszug aus seinem Jahreszeugnis, das er vier Monate später bekam:

Nein, hier hat keine Wunderheilung stattgefunden. In diesen vier Monaten hat er sich ähnlich entwickelt wie in, sagen wir, den vier Monaten zuvor.

Dies ist einfach ein Paradebeispiel für die Relativität seiner Behinderung:

  • Es war sein erster Besuch in dieser Audiopädiatrie - und es fand nur eine sehr oberflächliche Aufnahme seiner Vorgeschichte statt.
  • Die Ärztin, die den Brief verfasste, war lediglich kurz bei der HNO-Untersuchung und der sehr kurzen Abschlussbesprechung anwesend. Sie sah meinen Sohn also vielleicht etwa zehn Minuten - während dieser Zeit sprach er nur sehr wenig mit ihr (was ich total verstehen kann). Die Logopädin, die ausführlichere Sprachtests gemacht hatte, war bei der Abschlussbesprechung gar nicht zugegen.
  • Mein Sohn hat sehr spät überhaupt mit dem Sprechen begonnen - so richtig eigentlich erst mit Eintritt in den Kindergarten mit knapp vier Jahren. Zum Zeitpunkt der Untersuchung war er 8,5 Jahre. Das macht viel aus, wenn man seine Ergebnisse mit irgendwelchen Normen vergleicht, die darauf basieren, dass Kinder so richtig mit zwei ins Sprechen kommen. Oder sogar noch früher.
  • Man muss nicht perfekt sprechen, um problemlos mit anderen Menschen kommunizieren zu können. Ja, vielleicht muss der ein oder andere nachhaken - so what? Viel entscheidender ist, dass mein Sohn voller Selbstvertrauen spricht - und nicht durch Endlos-Therapien mit dem Gefühl aufwächst, bloß nicht den Mund aufmachen zu dürfen, weil ja eh alles falsch ist was er sagt.
  • Zur Therapieempfehlung (2x/Woche Logopädie!): Evidenz von Logopädie bei zentralnervösen Behinderungen? Das Problem ist, dass Ärzte und Therapeuten häufig einem Diagnose- und Therapieprotokoll folgen, dass sich aus welchen Gründen auch immer (oft sogar länder-spezifisch) etabliert hat. Diese Entscheidungsbasis bleibt damit undurchsichtig, weil Evidenz oder andere plausible Erklärungen im Grunde nicht gegeben werden können. Trotzdem kommt alles im Brustton der Überzeugung, was es insbesondere für uninformierte Patienten schwierig macht.
  • In der Schule sind die Sprachdefizite meines Sohnes - einfach kein großes Problem! Das heißt konkret: Ja, die Aussprache ist manchmal nicht so deutlich; ja, manchmal haut vielleicht ein Satzbau nicht ganz hin; aber das hindert ihn nicht daran, sprachlich in einer für ihn wunderbaren Weise am Unterricht und Schulleben teilnehmen zu können. Weil er trotz seiner Schwächen selbstbewusst spricht. Weil seine Mitschüler und Lehrer sich mit der Zeit an seine Aussprache gewöhnen und ihn ermutigen.
  • Wenn man bedenkt, wie spät er mit dem Sprechen begonnen hat, und was er für Prognosen hatte - dafür ist sein Sprechen phänomenal.

Wie anfangs gesagt - alles relativ. Und nochmals: Die Diskrepanz dieser zwei Dokumente ist kein Kavaliersdelikt. Wie vielen Kindern, und auch Erwachsenen, wird eine Normalität verbaut, weil man ihnen ständig ihre Abweichung von der Normalität unter die Nase reibt....

Ich wünsche mir eine Welt, in der Menschen mit Krankheiten und Behinderungen, und ihre Angehörigen, nicht verunsichert und in einen lebenslangen Therapie-Marathon geschoben werden - sondern ein Umfeld finden können, in dem sie so, wie sie sind, angenommen und gestärkt werden.

 

16 - Weg mit den Samthandschuhen: Für ein inklusives Bewegungsverständnis

Wenn man heutzutage als Kind mit einer Behinderung in Deutschland (und speziell in Bayern) aufwächst, dann hat man vor allem - Pech.

Und man hat nicht etwa Pech, weil es keine Bildungskonzepte gibt, oder Personal und Infrastruktur fehlt, sondern: Weil der Umgang mit Menschen, die eine Behinderung haben, immer noch von Angst und Defensive* geprägt ist. Weil der Großteil von Lehrern, Erziehern, Administratoren, Fachleuten und ja, auch Eltern mit Samthandschuhen unterwegs ist.

Es ist dies kein reines Behinderungsphänomen: Die Diskussion um Helikopter-Erziehung und Pathologisierung von kindlichen Verhaltensmustern (und damit verbundene Über-Medikamentisierung und -Therapierung) gibt einen generellen Zeitgeist wieder. Nur ist das alles bei Kindern mit Behinderungen massiv verstärkt.

Und möglicherweise ein wichtiger Grund dafür, dass Menschen mit Behinderungen:

  • statistisch gesehen mit großer Wahrscheinlichkeit keinen regulären Berufsweg einschlagen ("Erster Arbeitsmarkt")
  • langfristig auf Sozialmaßnahmen und Assistenz angewiesen sind
  • meiner persönlichen These nach: Ihr volles motorisches und geistiges Heilungspotential nie erreichen. (Das ist statistisch natürlich nicht zu erfassen.)

Ich vermute, dass alles damit anfängt, dass Kinder, bei denen eine Behinderung diagnostiziert wird, in ein völlig separates Förder- und Bewegungssystem gesteckt werden - dessen Effektivität weder evidenzbasiert noch besonders überzeugend ist. Von der Effizienz ganz zu schweigen.

DIE KONSEQUENZ: Diese Kinder wachsen mit der Botschaft auf, dass sie nicht "richtig" sind und dauerhaft an ihnen herumgedoktort werden muss. Dass Bewegung nur im therapeutischen oder sonstwie absepariert-integrativen Setting möglich ist. Dass sie vor dem Fallen, sich Verletzen und Fehler machen bewahrt werden müssen. Dass sie lieber vorsichtig sein, und bloß nicht über ihre Grenzen hinausgehen sollten. Dass es keinen unbefangenen und ausprobierenden Umgang mit ihrer Bewegungs- (oder sensorischen) Fähigkeiten gibt - sondern alles nur von Fachleuten und im Rahmen eng gesteckter Bewegungsgrenzen getan werden kann. Dass Bewegung nur zum Erreichen bestimmter (motorischer) Ziele betrieben wird. Dass immer jemand bei ihnen sein und aufpassen muss.

Diese Welt zu ändern - das wird von nun an die Vision meiner Arbeit sein.

Das für mich wichtiste Ergebnis meiner beruflichen und persönlichen Laufbahn der letzten Jahre: Es ist wenig hilfreich, eigentlich müßig, zwischen behindert und nicht-behindert zu unterscheiden. Oder zwischen Training und Therapie. Ich habe erfahren, dass es viel passender ist, die Bewegungsfähigkeiten eines Menschen als Spektrum zu sehen. Und egal wo dieser Mensch sich gerade befindet - man fängt genau dort an und bleibt offen für das, was möglich ist.

Gleichzeitig ist das, was möglich ist, nicht das primäre Ziel. Vor allem anderen geht es viel mehr darum, Freude an der Bewegung zu finden. Sich auszuprobieren. Neues zu entdecken. Sich kennenzulernen. Zu fallen. Wieder aufzustehen.

Erst dann kommt das, was möglich ist.

Und das kann ziemlich viel sein, wie ich ebenfalls erfahren durfte. Viel mehr, als die momentanen Frühförderansätze und später angewandten konventionellen Physio-, Ergotherapie, Logopädie und Heilpädagogik im Durchschnitt hinbekommen. Denn was in den letzten Jahrzehnten der neurowissenschaftlichen Forschungen und der Entwicklung von neuen Rehabilitationsansätzen rausgekommen ist, das ist bahnbrechend - aber leider im therapeutischen Mainstream noch nicht angekommen. Im Moment ist es tatsächlich so, dass diese innovativen Erkenntnisse meistens in einem sehr engen Umfeld angewendet werden, da die finanziellen und kommunikativen Wege fehlen, um die dort erlangten Erfahrungen einem größeren Kreis zugänglich zu machen**.

Ich finde, dass auch Kinder mit Behinderungen Bewegung als etwas erfahren dürfen, dass einfach zum Leben gehört. Sie dürfen lernen, dass man nicht in irgendwelche Therapiepraxen oder Frühförderzentren fahren muss - sondern in ganz normalen Fitnesstudios, in der Natur und jederzeit im Alltag aktiv sein darf. Dass man sich dabei auch mal schmutzig machen und wehtun darf. Dass man sich selbst etwas überlegen darf, und nicht immer nur angeleitet wird. Dass man seinen eigenen Bewegungsweg finden darf, auch in Zusammenhängen und an Geräten, die sonst nur nicht-behinderten Menschen vorbehalten sind. Dass man stark und verwegen sein darf. Dass man etwas zugetraut bekommt, seine eigenen Grenzen kennenlernen und alleine machen darf.

Wenn die Diagnose einer Behinderung für Kinder nicht mehr bedeutet, Pech zu haben - dann ist wirklich alles möglich.

*  *  *

*Ganz aktuell - ein Interview der Bertelsmann-Stiftung mit Gerd Gigerenzer: Bauchentscheidungen http://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2015/september/bauchentscheidungen/

** z.B.: Norman Doidge: The Brain That Changes Itself (Deutsche Ausgabe: Neustart im Kopf: Wie sich unser Gehirn selbst repariert) und The Brain's Way of Healing (Deutsche Ausgabe: Wie das Gehirn heilt: Neueste Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft)

 

12 - Die Crux mit Bewegungs- (und Haltungs-)idealen

Unzählige Menschen, Schulen, Konzepte und Blogs beschäftigen sich damit, wie er denn eigentlich aussehen muss, der Körper, um als optimal ausgerichtet zu gelten. UND - wie er sich denn eigentlich genau bewegen muss, damit es nicht langsfristig zu Verschleißerscheinungen kommt.

Es werden Referenzpunkte definiert, die in einer bestimmten Beziehung zueinander stehen müssen, damit alles gut wird.

Dieses Bild stammt aus einem Blogpost von Katy Bowman - der gesamte Artikel findet sich hier: http://www.katysays.com/alignment-matters/

Dieses Bild stammt aus einem Blogpost von Katy Bowman - der gesamte Artikel findet sich hier: http://www.katysays.com/alignment-matters/

Und das ist wunderbar. Ich wünschte, dass mehr Menschen von all diesen Erkenntnissen wüssten - wie einfach es sein kann, schwerwiegenden chronischen und akuten Beschwerden vorzubeugen, bestehende zu rehabilitieren, und Operationen zu vermeiden. (Daher mein Tipp: Nach jeder sonstigen neuromuskulären Diagnose erstmal zu einem guten Körpertherapeuten (Rolfer, Osteopath, entsprechend ausgebildete Physiotherapeuten), dessen Arbeit darin besteht, entweder mit manuellen Techniken oder über Bewegungsansätze den Körper wieder gescheit auszurichten.)

Aber es gibt da eine Crux - eine kleine Schwäche an diesen biomechanischen Betrachtungsweisen.

Sie gehen davon aus, dass ein Körper sich überhaupt in eine optimale Ausrichtung bringen LÄSST (und zwar in endlicher Zeit).

Die zweite, davon abgeleitete Annahme: Dass ein Körper in einer optimalen Ausrichtung sein MUSS, um langfristig Beschwerden zu vermeiden.

Wenn ich nicht zufällig einen Sohn hätte, der seit Geburt eine körperliche Behinderung hat - wäre ich beiden Annahmen wahrscheinlich begeistert lebenslang gefolgt.

Stattdessen hat mich seine Behinderung über die Jahre dazu geführt - insbesondere seit dem ich selbst seine "Therapie" (eher Bewegungstraining) übernommen habe - beide Annahmen von Grund auf herauszufordern:

  1. Nicht jeder Körper lässt sich in die gewünschte Form bringen. Punkt. Das kann an zentralnervösen oder Stoffwechsel-Erkrankungen liegen, Amputationen, sehr hartnäckigen Rekrutierungsmustern oder sonstigen strukturellen Deformationen.
  2. Eine Abweichung von der optimalen Ausrichtung muss nicht zwangsläufig zu Beschwerden führen. Im Gegenteil: Manchmal kann auch die Pathologisierung der Abweichung und das ständige dran Rumdoktorn zum eigentlichen Problem werden.

Oder anders gesagt: Das Konzept einer optimalen Ausrichtung teilt Körper in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft auf: 1) Die optimal Ausgerichteten und diejenigen, die es potentiell sein könnten und 2) denen einfach nicht zu helfen ist.

DAS bildet unsere körperlich immens heterogene Realität aber absolut nicht ab!

Mein Alternativ-Modell:

  1. Optimale Ausrichtung (egal ob es um Haltung oder Bewegung geht) darf sich nicht an irgendwann vielleicht erreichbaren Idealen orientieren - sondern muss inkrementel, basierend auf dem jeweils aktuellen Zustand des Menschen, immer wieder neu definiert werden. Und das gilt für alle - ob gesund, krank, oder mit Behinderung. Denn eine optimale Ausrichtung ist nie abgeschlossen; wie Feldenkrais schon sagte, man kann die eigene Wahrnehmung immer weiter verfeinern - und damit auch die Art, sich zu bewegen.
  2. Beschwerden sind nicht dadurch zu vermeiden, dass man eine optimale Ausrichtung schafft - sondern dadurch, dass man in der jeweils aktuellen Ausrichtung ein möglichst vielseitiges Belastungs-(=Bewegungs-)profil schafft.

Es ist dies auch der Versuch, eine inklusive Sicht auf Gesundheit zu schaffen. Es entfällt die Trennung zwischen normal/behindert, oder funktionell/dysfunktionell - stattdessen gibt es ein kontinuierliches Spektrum von schwerst mehrfach behindert bis Superman. Die meisten Menschen liegen irgendwo dazwischen. Und es ist absolut egal, wo man sich befindet - man kann genau dort anfangen, und sich im Rahmen seiner individuellen Möglichkeiten bewegen, besser ausrichten, und die eigene Aktivitätsbandbreite entdecken.

Es entfällt auch die Trennung zwischen Therapie und Training, die Stigmatisierung und die Kompetenz-Hoheit von Ärzten, Therapeuten und anderen diagnostizierenden und therapierenden Fachleuten.

Ich gebe zu - ein gewagtes Ideal von Körper und Gesundheit. Ein Paradigmenwechsel.

Nach der aktuellen orthopädischen Verlaufskontrolle wissen wir: Mein Sohn hat sich in den letzten Jahren über alle Prognosen hinaus entwickelt. Ja, es gibt schon noch die ein oder andere Baustelle (hm - eigentlich nur eine) - aber für die Art von Behinderung, die er hat, verdammt wenige. Und das, obwohl wir komplett aus den in seinem Fall üblichen Therapieansätzen herausgenommen haben.

Er ist trotzdem bei Weitem nicht optimal aufgerichtet, zumindest wenn man den gängigen Ansätzen folgt. Er kann noch nicht mal frei stehen. Wie richtet man jemanden aus, der nicht stehen kann? Oder jemanden, dem ein oder beide Beine fehlen? Jemand, der aufgrund von Muskelschwäche oder deformierten Knochen bestimmte Körperbereiche nicht mehr ansteuern kann?

Das wird nur funktionieren, wenn wir über die Grenzen der heutigen Bewegungs- und Haltungsideale hinausdenken; jeden körperlichen Ausgangszustand akzeptieren, ohne ihn zu pathologisieren - und offen bleiben für das, was am Ende möglich wird.

Kill the Kühlbox: Die Auflösung einer Alltags-Bewegungs-Blockade

Jahrelang hatte ich dieses leise nagende Gefühl: dass es gut wäre, an den Wochenenden mit meinem Sohn aus der Stadt rauszufahren. Irgendwo zum Spazieren, Wandern, an einen See, in die Berge. Nicht nur so ab und zu, nicht nur bei Sonnenschein – sondern IMMER wenn er am Wochenende bei mir war.

Genauso lange redete ich mir ein, dass das schlichtweg nicht organisierbar ist. Mit einem Kind im Rollstuhl, ohne Auto - und überhaupt, wohin. Und dann Sachen zusammenpacken, Essen/Snacks/belegte Semmeln vorbereiten, Outdoor-taugliche Kleidung anschaffen und an Kind-Entertainment-Möglichkeiten denken. Die Vorstellung von vollen Straßen, überfüllten Zügen und hoch-bevölkerten Wanderwegen war auch nicht gerade anziehend.

Außerdem gab es an den Wochenenden traditionell sehr viel zu tun: Einkäufe und sonstige Erledigungen machen; ein wenig Arbeit unterbringen; Freunde und Bekannte treffen; all die kleinen und großen Events; trainieren; und mein Bedürfnis nach ausruhen und ausschlafen. Bitte nicht noch Freizeitstress oben drauf. Raus kann man schließlich auch in der Stadt.

Das nagende Gefühl aber blieb.

Aus Erfahrung weiß ich, dass bei solchen sich hartnäckig haltenden, wie auch immer vagen inneren Wahrheiten irgendwann ein bestimmter Punkt kommt: Der Moment, ab dem man die eigenen Ausreden einfach nicht mehr hören kann.

Gab es wirklich etwas, das so wichtig oder beschwerlich war, dass ich meinen Sohn nicht alle zwei Wochen einen kompletten Tag, von morgens bis abends, aus dieser Stadt und in die Bewegung an frischerer Luft bringen konnte?

Natürlich nicht. Stattdessen ging es eigentlich um etwas ganz anderes: mich von einer bestimmten Vorstellung von „am Wochendende aus der Stadt rausfahren“ zu lösen. Eine Vorstellung, die moderne Funktionskleidung, einen für alle Fälle perfekt ausgerüsteten Rucksack, qualitativ hochwertiges Outdoor-Equipment, ausgefuchste und ständig neue Touren zu malerischen Zielen, Bilderbuchwetter, perfekt vorbereiteten Proviant oder opulente Hütten-Mahlzeiten und attraktive Highlights für Kinder einschloss. Und mit dem perfekten Gipfelbild-Facebook-Post abschloss.

Die Lösung bestand darin – einfach zu fahren.

Unsere Touren - seit Ostern dieses Jahres konsequent jedes zweite Wochenende - sind denkbar unspektakulär. Wir ziehen ganz normale Sachen an, ein Mix aus Alltags- und Sportkleidung. Wir packen schnell, kurz vor der Abfahrt: ein wenig Regenbekleidung; ein paar sehr wenige Snacks und Sandwiches und auch nur, wenn ich die Lust und Kraft dafür habe; außerdem einen kleinen Schaumstoffball (für die Zugfahrt!),

eine Flasche Wasser, ein Handtuch und Bikini/Badehose. Wir fahren eine Stunde mit dem Zug, ganz primitiv immer an denselben Ort. Wir fahren immer am gleichen Tag. Zur gleichen Uhrzeit. Bei jedem Wetter.

Vor allem: fahren wir mit großer Freude, aber ohne große Erwartungen.

Die am Vorabend kurz überlegte Route passen wir bei Bedarf vor Ort an, wenn wir uns fit fühlen, oder vielleicht nicht so fit. Manchmal essen wir irgendwo Mittag – manchmal nicht. Nach dem Wandern gehen wir Schwimmen und essen vielleicht ein Eis. Manchmal haben wir zu wenig dabei. Manchmal ist es ein wenig langweilig, oder anstrengend,

oder einsam. Es kommt vor, das mein Sohn jammert und ich davon genervt bin. Manchmal würden wir morgens gerne etwas länger schlafen, oder uns beim Frühstück mehr Zeit lassen. Ab und zu bringen uns die Wetterverhältnisse ziemlich an unsere Toleranzgrenzen.

Auf unserer letzten Tour vor ein paar Tagen überholte uns auf einem einsamen Forstweg eine einheimische ältere Dame mit ihrem SUV. Zuvor hatten wir uns wegen einer Wegsperrung spontan für diese Route entschieden, die sich nach einiger Zeit als deutlich länger als erwartet herausstellte. Der Weg war mäßig steil; ich schob den Rollstuhl wie gewohnt, nur an den nächsten Schritt denkend (ok - an die nächsten 100 denkend); etwas mit der Ungewissheit über die Länge der Strecke hadernd.

Unerwartet blieb die Dame ein paar Meter vor uns stehen, öffnete die Fahrertür; fragte, wo wir hinwollten und ob sie uns ein Stück mitnehmen solle.

Ich blieb stehen, dankbar für ihre Freundlichkeit, und auch mein Sohn machte eine freudig-überraschte Bewegung.

Ich lächelte. Ich spürte den Schweißfilm auf meinem Gesicht, meine Körperhitze vom Rollstuhlbergaufschieben, die leicht klamme hautnächste Kleidungsschicht. Die Ruhe meines Sohnes. Die klare Luft. Das Plätschern bis Brausen des Baches neben uns. Den grau-bewölkten Tag. Den ganz gewöhnlichen Wald. Die ganze Unspektakulärheit des Momentes.

Ich bedankte mich aus ganzem Herzen für ihr Angebot. Sie lächelte zurück und verstand, ohne dass ich viel sagen musste. Das wegfahrende Motorengeräusch ging schnell im Brausen des Baches unter.

Einfach rausgefahren.


So geht Schule ohne Stühle.

Manchmal geht es ziemlich konfus zu auf dieser Welt. Zumindest was das Sitzen angeht: Auf der einen Seite die anhaltende Evidenz über die Schädlichkeit von zu viel Sitzen. Auf der anderen Seite ein hartnäckiges Festhalten am ganztägigen Sitzen in Schule und am Arbeitsplatz. Und auf einer dritten Seite die positiven Aspekte des Sitzen: die Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit, die in einer sitzenden Position möglich sind.

Die meiste Zeit meines Lebens berührte mich das gar nicht so wirklich. Ich hatte zwar ein weitgehend sitz-basierten Alltag (Schule, Studium, Büro-basierte Jobs), war aber gleichzeitig sportlich sehr aktiv - so dass ich mir über meine Sitzgewohnheiten nicht viel Gedanken machte.

Das änderte sich, vielleicht sogar ein wenig schlagartig. Auslöser gab es gleich zwei:

  1. Ich kündigte meinen Job und fing an, ausschließlich von zu Hause aus zu arbeiten.
  2. Mein Sohn kam in die Schule.

Diese zwei Auslöser hatten zwei Auswirkungen:

  1. Ich machte meine Büro-/PC-Arbeit kaum noch auf Stühlen/an Tischen, sondern fast ausschließlich auf dem Boden - und war überrascht, wie es sich auf meine Sitz-Beweglichkeit auswirkte.
  2. Mein Sohn saß mehr auf Stühlen/an Tischen als jemals zuvor in seinem Leben.

Mir wurde ziemlich schnell klar: Das Problem war nicht das Sitzen. Das Problem war: das Sitzen in der immer gleichen Gelenkkonfiguration auf den immer gleichen Stühlen, an den immer gleichen Arbeitsplatzhöhen.

Sitzen an sich ist etwas unheimlich Wertvolles - dieses ruhige Zwischending zwischen Liegen und Stehen/Aktivität. Es ist eine Konzentrationsposition, die Fokus auf eine Aufgabe erlaubt - ohne wegzudösen und ohne auf dem Sprung zu sein.

Und das Sitzen allein kann unseren Körper in eine unglaublich hohe Anzahl von Gelenkstellungen und Belastungsprofilen bringen - wenn wir es richtig anstellen.

Und das heißt im Wesentlichen: Wenn wir das in den Hintergrund rücken, was das Sitzen ständig in ein- und der selben Gelenkkonfiguration einsperrt: Stühle und die passenden Tische dazu. Ich sage bewusst "in den Hintergrund rücken", und nicht "komplett darauf verzichten" - denn natürlich können Stühle und Tische nach wie vor eine Option sein. Aber eben nur eine von ganz vielen anderen.

Natürlich ist das nicht ganz einfach, und es wird zunächst ziemlich unbequem - da will ich niemandem etwas vormachen. Ein Körper, der das ganze Leben lang auf Stühlen gesessen hat, wird sich in Sitzpositionen auf dem Boden erstmal schwer tun. Möglich ist es dennoch, mit kleinen Progressionen und viel Ausprobieren (genauso wie das Schlafen ohne Kissen auch nicht von einem Tag auf den anderen möglich ist).

Noch einfacher ist es natürlich, wenn man als Kind einfach gar nicht erst verlernt, in allen möglichen Varianten auf dem Boden zu sitzen.

Und genau dabei wollte ich, basierend auf meinen eigenen Erfahrungen, meinen Sohn gerne unterstützen - noch dazu wo seine Körperbehinderung ihm das Sitzen und den Erhalt seiner Beweglichkeit deutlich schwerer machte als nicht-behinderten Kindern.

Aber wie, wenn er den überwiegenden Teil des Tages und seiner Zeit in der Schule verbringt? Das ganze Schulsystem umwälzen wäre eine Option gewesen - aber ich suchte nach einer etwas einfacheren und pragmatischeren Lösung. Und hatte Glück - in der Person seiner Klassenlehrerin.

Denn es passierte Folgendes: Ich erzählte ihr von meinen Gedanken bezüglich des einseitigen Sitzens und fragte sie geradeheraus, ob sie Interesse hätte, stuhl-/tisch-freien Unterricht auszuprobieren. Sie sagte begeistert ja (!). Um das ganze formal so einfach wie möglich zu halten, schlug sie als Rahmen eine Projektwoche vor - da sei sie flexibel, Themen nach Belieben einzubringen. Gesagt, getan.

Ich hatte alle möglichen Fantasien vorher. Dass es supergut werden könnte. Aber auch, dass es ein totales Chaos gibt, die Kinder vor Unbequemheit stöhnen und ächzen würden, und an Unterricht gar nicht zu denken sein würde.

Und so ging es tatsächlich vor sich:

Ausräumen des Klassenzimmers/Umgestaltung

Info zur Klasse: 2. Klasse einer regulären Grundschule; 14 Schüler (10 Jungs, 4 Mädchen); 17 Stunden pro Woche in dem umgestalteten Klassenraum

Unsere Prämisse war: Wir würden nur vorhandenes Mobiliar für die stuhlfreie Woche verwenden - also alles, was eh schon im Klassenzimmer war oder was wir uns aus anderen Räumen und aus der Turnhalle ausleihen konnten. Die Kinder halfen beim Ausräumen und beim Holen des Mobiliars mit - den Aufbau übernahm ich schließlich alleine nach einem Konzept, was ich mir vorher überlegt hatte. Im Wesentlichen beinhaltete das:

  • Arbeitsflächen in drei verschiedenen Höhen, um den unterschiedlichen Voraussetzungen der Kinder Rechnung zu tragen (Körpergröße, Mobilität)
  • Ausreichend Arbeitsplätze für alle Kinder
  • Die neue Konfiguration sollte vier Unterrichtsformate ermöglichen: Einzelarbeit, Kleingruppenarbeit, Plenum ("Kino", d.h. Frontalunterricht zur Tafel orientiert), Sitzkreis.

Start/Einführung des Projektes

Die Kinder erfuhren etwa drei Wochen vorher von dem geplanten Projekt und waren voller Vorfreude (s. Bilder). Die Eltern wurden etwa eine Woche vorab über einen Brief informiert; wir baten darum, den Kindern bequeme Kleidung und robuste Socken mitzugeben (die Kinder trugen im Klassenzimmer die Woche über keine Hausschuhe wie sonst, sondern eben nur Socken), sowie ein Sitzkissen, das die Kinder zur Unterstützung verwenden konnten.

Am ersten Tag nutzten wir den regulären Sitzkreis zu Beginn der ersten Stunde für eine kurze Einführung der Abläufe dieser Woche. Wichtig war uns insbesondere zu vermitteln, dass der Raum trotz des Turnhallenmobiliars keine Turnhalle war, und der Unterricht ganz normal weitergehen würde. Wir besprachen die Regeln (die wir bewusst von den Kindern festlegen ließen). Außerdem ließen wir die Kinder wissen, dass es in dieser Woche keine festen Sitzplätze geben würde - jeder war eingeladen, verschiedene Plätze auszuprobieren. Wir erinnerten auch daran, dass es nicht darum ging, in einer Sitzposition zu verharren, sondern dass die Kinder immer wieder eine gute Position für sich finden sollten und ich sie dabei bei Bedarf unterstützen würde.

Da ich nicht wusste, wie leicht die Kinder sich tun würden, einen Platz zu finden, hatte ich im Vorfeld mögliche Arbeitsplätze markiert. Dies stellte sich im Falle dieser Gruppe als nicht notwendig heraus - die Kinder hatten einen guten Blick dafür, wie man an welchen Stellen sitzen und arbeiten konnte.

Einführung von Sitzpositionen

Am ersten Tag gab ich den Kindern ganz bewusst keinen Input zu möglichen Varianten des Sitzens - ich wollte erstmal sehen, was von selbst passiert. Tatsächlich waren die Kinder ganz intuitiv und natürlich darin, verschiedene Sitzpositionen zu finden, und zwar in jeder Unterrichtssituation und unabhängig vom Arbeitsauftrag.

Der 2. Tag begann damit, verschiedene Sitzpositionen ins Bewusstsein zu rücken. Dazu verwendete ich die Abbildung aus der Veröffentlichung von Gordon Hewes (s.u.), welches ich auf Postergröße ausgedruckt und im Klassenzimmer aufgehängt hatte. Ganz einfach: Ich bat einzelne Kinder, bestimmte Positionen vorzumachen. Dabei hatte ich den Tag vorher dazu genutzt, um zu beobachten, welches Kind welche Positionen bevorzugte oder besonders leicht einnehmen konnte. Von diesen Beobachtungen waren die Kinder sehr angetan - so erlebte jedes von ihnen bestimmte Stärken in Bezug auf das Sitzen.

Aus:  World Distribution of Certain Postural Habits , Gordon W. Hewes, American Anthropologist New Series, Vol. 57, No. 2, Part 1 (Apr., 1955), pp. 231-244  http://www.jstor.org/stable/666393

Aus: World Distribution of Certain Postural Habits, Gordon W. Hewes, American Anthropologist New Series, Vol. 57, No. 2, Part 1 (Apr., 1955), pp. 231-244 http://www.jstor.org/stable/666393

Diese Zuordnung und das Vormachen von Sitzpositionen durch die Kinder wiederholten wir am 4. Tag.

Am 3. Tag machte ich die Kinder auf ihre Sitzhöcker aufmerksam - d.h. ich leitete sie an, mit dem Becken nach vorne und hinten zu rollen und dabei zu merken, wann sie richtig auf den Knochen saßen. Das fiel vielen noch schwer. Es ging mir nicht darum, eine "korrekte"/"gute" Position zu zeigen - sondern einfach das Bewusstsein für das Becken zu schulen. Dadurch, dass die Kinder von sich aus die Positionen häufig wechselten, sah ich kein Risiko von übermäßigem Sitzen mit nach hinten gekippten Becken (auf dem Steißbein). Für eine längere Phase von stuhlfreiem Unterricht würde ich diese "Lektion" definitiv öfter bringen und möglicherweise durch bestimmte Cues im Unterricht erinnern. Auch hier nicht, um diese eine Position herauszuheben, sondern um Einseitigkeit zu vermeiden.

Aufmerksamkeit/Konzentration

Diese Woche hatte über allem das Ziel, das Sitzen im Unterricht vielseitiger zu gestalten. Trotzdem hatten wir uns im Vorfeld gefragt, wie es die Gruppendynamik und den Unterrichtsablauf beeinflussen würde, wenn die Kinder anders sitzen und vor allem ihre Plätze frei wechseln konnten. Auch gab es logistische Fragen - nämlich wo deponieren Kinder ihre Schulsachen und wie werden Unterrichtsmaterialien ausgeteilt. Hier zu machten wir folgende Beobachtungen:

  • Generell war kein großer Unterschied in Bezug auf Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit festzustellen. Die Klassenlehrerin hatte den Eindruck, dass die Kinder, die sich auch sonst damit schwer tun, zur Ruhe zu kommen, sich auch im neuen Setting schwerer taten - aber eben auch nicht schwerer als sonst. Für diejenigen, die sich mit Konzentration und Ruhe leichter taten gab es auch keinen Unterschied. Übereinstimmend bemerkten wir aber, dass der Zeitraum für ein abschließendes Fazit zu diesem Punkt einfach zu kurz war. Interessant wäre es, wenn man sich 2-3 Monate mit so einem Klassenraum Zeit geben könnte.
  • Herausfordernd in Bezug auf Aufmerksamkeit und Lautstärke waren tendenziell die Wechsel von einem Unterrichtsformat ins nächste, also vom Sitzkreis auf die Plätze, oder von den Plätzen ins Kino.
  • Ein großer Vorteil des Setups war, dass Bewegungspausen viel mehr Platz hatten.
  • Ab dem 3. Tag benannten wir jeweils drei Kinder, die für eine angemessene Lautstärke zu allen Zeiten sorgen sollten - d.h. die Kinder bekamen die Aufgabe, ihre eigene Lernatmosphäre zu schaffen. Das klappte zum Teil schon ganz gut und hing sehr von den jeweiligen Kindern ab.
  • Schulranzen wurden jeweils an den Seiten des Klassenraums deponiert - so dass keine Taschen mitten im Raum standen. Dadurch mussten die Kinder, je nach dem wo sie saßen, ggf. aufstehen und ein paar Schritte gehen. Das klappte ganz gut und sorgte dafür, dass der Raum auch optisch eine gewisse Ruhe/Ordnung suggerierte.
  • Das Austeilen von Arbeitblättern/Heften der Schüler durch die dafür benannten Kinder nahm etwas mehr Zeit in Anspruch, und zwar deswegen, weil es keine feste Sitzordnung gab und die austeilenden Kinder jedes Mal suchen mussten. Das ist vielleicht nicht so tragisch - trotzdem gibt es vielleicht Alternativen, z.B. Blätter einfach von zwei Seiten durchreichen o.ä.

Inklusion im Klassenzimmer

Ein Schüler der Klasse (mein Sohn) hat eine Körperbehinderung (beinbetonte Spastik) und ist somit in seiner Gelenkbeweglichkeit eingeschränkt. Für ihn ergaben sich ganz neue Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen in dem neuen Setup. Durch die verschiedenen Sitzvarianten war er sehr viel freier darin, die bewegungseingeschränkte Hüfte in verschiedene Positionen zu bringen, was durchweg positiv zu bewerten ist. Gleichzeitig erforderte das stark nach hinten gekippte Becken ein wenig mehr Kreativität, um es mit entsprechenden Kissen, Keilen etc zu stabilisieren. Auch hier wäre ein längerer Zeitraum spannend, um zu sehen, ob das vielseitigere Sitzen über den halben Tag die Bewegungsumfänge in der Hüfte verändert.

Insgesamt ist diese Art von Sitz-Landschaft an sich schon von inklusivem Charakter, da sie jedem Kind erlaubt, auf seine Stärken und Einschränkungen, sowie die ganz individuellen Voraussetzungen in Bezug auf Körpergröße und Anatomie einzugehen.

Lern- und Arbeitsautonomie

Wenn es so etwas wie "Sitzautonomie" (hiermit melde ich einen neuen Begriff an!) gibt, dann ist solch ein tisch-/stuhlfreies Klassenzimmer-Setup ein Paradebeispiel. Insbesondere bezieht sich das auf:

  • Arbeitsplätze sind nicht so klar umrissen wie bei der Tisch-Stuhl-Konfiguration. Die Kinder können somit frei wählen, in welcher Orientierung (z.B. zur Tafel) sie sitzen, neben wem, und auch wie nah/weit von den nächsten Klassenkameraden. Durch die sich verändernden Sitzpositionen bleiben diese "Parameter" dynamisch - das erlaubt den Kindern, auf ihre sich verändernden Bedürfnisse (z.B. Rückzug/Anschluss) einzugehen
  • Platzwechsel, die jederzeit erlaubt sind, und Wechsel der Sitzposition am Platz

Die Frage, die mich in diesem Zusammenhang natürlich brennend interessiert: Hat Sitzautonomie eine Auswirkung auf die erlebte Arbeitsautonomie der Kinder? D.h. fördert eine freiere Sitzordnung auch das selbstbestimmte Arbeiten? Das Feedback der Klassenlehrerin war vielversprechend - natürlich war auch hier der Projektwochenzeitraum nicht lang genug, um ein eindeutigeres Fazit zu ziehen.

Kosten

Hier ist ein grober Vergleich von Mobiliar-Anschaffungskosten für eine Klasse von 15 Schülern für ein reguläres vs. stuhl-/tischfreies Klassenzimmer:

Kosten der regulären Tische und Stühle:

5x4 Dreieckstische à ca. EUR 200,- = EUR 4000,-

15 Stühle à ca. EUR 80,- = 1200,-

d.h. gesamt etwa EUR 5200,- für ca 15 Kinder

Kosten der von uns benutzten Ausrüstung:

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2 Turnhallen-Langbänke à ca. EUR 350,- = EUR 700,-

2 Turnmatten à ca. EUR 150,- = EUR 300,-

4 Yogamatten à ca. EUR 20,- = EUR 80,-

2 kleine Keilmatten à ca. EUR 70,- = EUR 140,-

ca 5 Teppichfliesen à ca. EUR 5,-? = EUR 25,-

d.h. gesamt etwa EUR 1250,- für ca 15 Kinder (also etwa ein Viertel der regulären Kosten) - wobei sich im Laufe der Woche auch bis zu vier weitere (aus anderen Klassen aufgeteilte) Kinder locker unterbringen ließen.

Feedback der Kinder

Die Kinder waren fast durchweg begeistert von dieser neuen Sitzerfahrung. Lediglich ein Kind bemerkte, das es ein wenig Rückenschmerzen hatte und das Sitzen sowie das häufigere Aufstehen (vom Boden) anstrengend fand. Vermutlich hing das von den sonstigen Bewegungsgewohnheiten dieses Kindes ab. Alle anderen Kinder hatten kein Problem und genossen es sichtlich bzw formulierten auch das entsprechende Feedback in ihre Projekthefte.

Allgemeines Fazit - und: Was bleibt?

Diese Projektwoche sollte vor allem eins zeigen: Ist es möglich, Grundschulkinder eine Woche lang im Unterricht um ein mehrfaches vielseitiger sitzen zu lassen - ohne dass die Qualität des Lernens darunter leidet? Diese Frage kann ich für diese Klasse mit einem klaren JA beantworten. Natürlich gab es Anpassungsherausforderungen, die den Unterricht zum Teil etwas langsamer abliefen lassen - aber für die Kürze der Zeit war es im Grunde beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit die Kinder den Übergang schafften.

Die große Begeisterung der Kinder hat mir auch nochmal bewusst gemacht, wie wichtig eine Lernumgebung ist, die mehr (Sitz-)Haltungsfreiraum erlaubt. Ich glaube, dass das Kinder auf mehreren Ebenen stärken kann:

  • im Selbstvertrauen und in der Selbstwirksamkeit - allein dadurch, dass man ihnen überträgt, ihre Position und ihren Platz selbstverantwortlich zu wählen
  • in ihrem Körpergefühl und ihrer Kompetenz in Bezug auf den eigenen Körper - in dem sie von alleine oder auch durch Impulse angeregt mit verschiedenen Sitzpositionen experimentieren und entdecken, was sie alles schon können bzw was sie lernen können
  • als Gruppe - durch die weniger feste räumliche Struktur braucht es mehr Achtsamkeit und Rücksichtnahme auf andere
  • und natürlich körperlich - vielseitigeres Sitzen und das Aufstehen/Hinsetzen zum Boden (vs auf einen Stuhl) ist für den gesamten Körper kräftigend

Es zeigt mir auch, wie einfach es wäre, Hüftmobilität bis ins Erwachsenenalter zu erhalten, wenn man diese Art von Sitzkultur durchgängig in Schulen und darüber hinaus etablieren könnte. Das Hüftgelenk spielt meiner Erfahrung nach eine zentrale Rolle in der strukturellen und funktionellen Gesundheit eines Menschen - Probleme mit der Hüfte sind oft Auslöser für eine ganze Bandbreite von Beschwerden, die sich dann meistens oberhalb und unterhalb der Hüfte zeigen. Oder andersrum: Wenn die Hüfte gut funktioniert, dann kann - grob gesagt - nicht mehr so viel schief gehen.

Gleichzeitig heißt es nicht, dass man Tische und Stühle für immer wegsperren muss. Denkbar wäre eine Umgebung, die Tische und Stühle einfach als ein mögliches Element zum Sitzen anbietet, neben allen anderen Sitzoptionen auf dem Boden oder irgendwo dazwischen. So hat die Lehrerin dieser Klasse z.B. beschlossen, dass sie den Flur vor dem Klassenraum als Bodensitz-Umgebung in ihren Unterricht einbauen wird - die Garderobenbänke werden dabei als Arbeitsfläche dienen.

Definitiv kann ich nach dieser Erfahrung sagen, dass so eine Umgebung mit einfachen Mitteln umzusetzen ist. Die Herausforderung liegt eher darin, den Kindern zu passenden Zeitpunkten die richtigen Impulse zu geben, aber auch nur so viel wie nötig, und ihnen damit das Gewöhnen an die neue Sitzumgebung zu erleichtern. Interessant wäre es in diesem Zusammenhang, so ein Projekt über einen längeren Zeitraum umzusetzen. Gleichzeitig ist es wichtig, die Einführung einer solchen Umgebung durch jemanden begleiten zu lassen, der biomechanische, pädagogische und lernpsychologische Aspekte berücksichtigen und verknüpfen kann.

Für Schulen wäre eine Einführung von komplett oder weitgehend tisch-/stuhlfreien Klassenzimmern eine lohnenswerte Sache:

  • Sie würden ihrem Auftrag gerecht, allen Kindern ein gesundes Sitzen zu ermöglichen - unabhängig von körperlichen Voraussetzungen und Größenunterschieden innerhalb einer Altersgruppe
  • Anschaffungskosten würden deutlich sinken
  • Das entsprechende Mobiliar ist viel flexibler einsetzbar als Tische und Stühle, die nur dem Sitzen dienen
  • Eine begleitete Einführung kann ebenfalls kosteneffizient bleiben, wenn man mehrere Klassen einer Schule gleichzeitig betreuen lässt (wie das aussehen kann, erzähle ich bei Interesse gerne)
  • Es würde regulären Schulen eine neue Möglichkeit im Zuge der Inklusion ermöglichen, denn mit dem Entfallen von Stühlen entfällt eine Barriere für Kinder, die motorisch nicht der Norm entsprechen (und in der Inklusion entspricht kein Kind einer "Norm"). Jedes Kind kann - ggf. mit Hilfsmitteln - angemessen sitzen, ohne dass es dadurch im Klassenverbund besonders auffällt.

Es war ermutigend zu sehen, dass man auf die allgegenwärtige Stuhl-kritische Evidenz eingehen und Sitzen sehr wohl vielseitiger und damit verträglicher machen kann - ohne den konzentrationsfördernden Aspekt herzugeben. Und wieder ist die Welt etwas weniger konfus.

Gerne gebe ich meine Erfahrungen weiter - solltest Du eine Schule kennen, die Interesse an einer Einführung und Umsetzung einer solchen stuhl-/tischfreien Umgebung hat, biete ich gerne ein persönliches Gespräch oder einen Vortrag vor Lehrern und Eltern an.

(Und falls jemand Interesse an einem ausführlicheren Feedback der Klassenlehrerin hat: Nächste Woche gibt es per Webcast ihre Eindrücke und Beobachtungen zu hören.)

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Mein riesengroßer Dank geht an die Klasse 2a der Helmholtzschule in München: An die Schüler für ihre große Begeisterung, Neugier, Experimentierfreude und Kooperation; an die Klassenlehrerin Barbara Meder für ihren Pioniergeist, dem unglaublich bereichernden Austausch zu stuhlfreier Pädagogik und ihre Offenheit, mich für eine Woche in ihrem Unterricht mitzunehmen; an die Schulbegleiterinnen meines Sohnes für die praktische Hilfe und wertvolle Beobachtungen; und an die Eltern für die Unterstützung, das Interesse und die Erlaubnis, das in der Projektwoche erstellte Bildmaterial verwenden zu dürfen. Ich wünsche allen Beteiligten alles Gute und weiterhin einen vielseitigen (Schul-)Alltag!

Links

"Dream Classroom" von Katy Bowman http://www.katysays.com/dream-classroom/

"Thinking Outside the (Classroom) Chair" von Katy Bowman http://www.katysays.com/thinking-outside-the-classroom-chair/

"For Back to School, Reimagine Classroom Design" http://blogs.kqed.org/mindshift/2012/08/for-back-to-school-reimagine-classroom-design/

Mayo Clinic obesity researchers test 'classroom of the future' http://psychcentral.com/news/archives/2006-03/mc-mco031006.html

"Students Stand When Called Upon, and When Not" http://www.nytimes.com/2009/02/25/us/25desks.html?_r=0

"A Lifestyle of Movement: The Best Healthy Lifestyle Tip" http://totallifestylemanagement.com/a-lifestyle-of-movement-the-best-healthy-lifestyle-tip/