Rollstuhl

33 - Schritt für Schritt die Komfortzone verlassen (und zwischendurch auch mal rutschen und hinfallen).

Vorbemerkung: Mein Sohn hat mich gebeten, heute über ihn und unsere heutige Bergwanderung zu schreiben.

Bewegung bekommt für mich dann eine neue Qualität, wenn sie neue Lösungen im Alltag bereitet. Wenn sie sich klein genug stückeln lässt, um auch außerhalb von Komfortzonen Sicherheit zu geben.

Eigentlich sollte der Abstieg von unserem heutigen Hüttenziel eher ein Spaziergang werden: nicht zu steiler Forstweg und dann Anschluss an einen Höhenwanderweg.

Ich weiß nicht, ob es an dem Glühwein zum Mittagessen lag - auf jeden Fall habe ich mich bei der Beschilderung schlicht vertan. Es gab zwei Wege zu unserem Ziel im Tal - den geplanten Forstweg und einen Steig.

Da ich diesen Abstieg noch nicht kannte, wusste ich von dieser Unterscheidung nichts, und auf dem Schild stand auch nichts von Steig - auch wenn es denn gleich über eine Kuhweide ging. Pflichtbewusst fragte ich Ortskundige nach der Beschaffenheit des Weges - die eher skeptisch antworteten. Ich besprach mich mit meinem Sohn - der es unbedingt probieren wollte. Ein entgegenkommender Durchtrainierter fragte noch eindringlich, ob wir den Weg den schon mal gegangen seien - ich sagte nein, dass ich mit einen schwierigen Wegstück rechne und zur Not halt umkehren würde. Zwei uns überholende Wanderer boten an, den Rollstuhl über die erste schwierige Passage zu tragen (wieso sagte uns eigentlich keiner, dass es auch eine einfachere Route gibt?) - ich nahm dankbar an, denn so konnte ich mich darauf konzentrieren, meinem Sohn eine stabile Hand zu geben; mit seiner anderen Hand stützte er sich auf seinen Gehstock.

Es war nass, steil, sehr uneben und nicht besonders befestigt.

In so einer Situation kann man zurückschrecken, vielleicht gar nicht gehen, oder zumindest nervös werden. Aber wenn man sich von der Gesamtsituation ein wenig distanziert, dann lässt sich diese Bewegungsaufgabe inklusive aller Umstände in kleine Bewegungskomponenten zerlegen. Und damit bewältigen.

In diesem konkreten Fall hieß das: Sehr kleine und langsame Schritte machen. Ich musste damit rechnen, dass mein Sohn mehr rutschen würde als ich - also musste ich immer eine Nuance vor ihm sein, während ich sehr nah an seiner Seite war, um nicht zu sehr an seiner Hand ziehen zu müssen. Er musste seinen Gehstock sehr eng bei sich auf dem Boden platzieren, damit dieser nicht rutschen konnte.

Wir erreichten den Rollstuhl, er setzte sich hinein - aber nach ein paar Schritten merkten wir, dass der Weg noch zu unwägbar war, und das Gewicht des Rollstuhls + meines Sohnes mich ins Rutschen brachte. Also eine Art Kreuzen: Meinen Sohn kurz auf einer (leeren) Wasserrinne mit Stufe parken und Rollstuhl ein Stück runtertragen. Dann Sohn holen. Repeat.

Es kam wieder ein Wanderer vorbei und bot uns an, den Rollstuhl das letzte Stück des Steigs mit runter zu nehmen. Wieder nahm ich dankbar an. (Der Typ joggte runter, während er den Rollstuhl in seinen Armen hielt - ich schätze mal, man zieht solche Menschen einfach an, wenn man sich erstmal auf den Weg gemacht hat!)

Dann der Ermüdungsfaktor - mein Sohn war diese Art von abwärts gehen, noch bei solchen Wegverhältnissen, einfach nicht gewöhnt - dafür hielt er sich sensationell. Am Ende trug ich ihn dann doch noch ein wenig - etwa zwei gleich lange Stücke auf je beiden Beckenseiten. Dann endlich der Anschluss zum Forstweg.

Das, was manche Wanderer in vielleicht 10 Minuten schaffen - hat uns eher eine Stunde abgezollt. Oder eher geschenkt. Denn was für ein Bewegungsreichtum - und die "Lösung" dieser Bewegungsaufgabe machte meinen Sohn stolz wie kaum jemals sonst. Klar fiel er ein paar Mal hin, und klar sahen wir und der Rollstuhl aus, als hätten wir uns einmal im Matsch gewälzt - aber was für ein Glücksgefühl.

Vielleicht sind es genau solche Bewegungsherausfoderungen, für die man erstmal kein Skript hat, die Bewegung einen Grund geben.

32 - Nur weil es auf Erfahrung basiert, ist es nicht unbedingt gut: Über das Sitzen und keulenschwingende Diskussionen.

Wenn Themen im Bereich der Gesundheits- und Trainings-Communities kontrovers diskutiert werden, dann wird in der Argumentation meistens eine oder eine Kombination der folgenden vier Keulen rausgeholt:

  1. Wissenschaftliche Evidenz
  2. Verweis auf Autoritäten (Gurus, Koryphäen, Hersteller, Anbieter)
  3. Eigene langjährige Erfahrungen ("Haben wir schon immer so gemacht")
  4. [Leider viel zu selten]: Eigene oder zumindest selbst nachvollzogene mathematische Modellierungen, grobe Abschätzungen und Berechnungen

Daran musste ich vor einiger Zeit mal wieder denken, nach dem ich ein längeres Gespräch mit einem Mitarbeiter eines Reha-Geschäftes, nennen wir es "A", führte. Hintergrund war, dass mein Sohn in absehbarer Zeit einen neuen Rollstuhl kriegen sollte - und es ging um die Beschaffenheit des Sitzes darin.

Standardmäßig haben Rollstühle eine feste Bespannung als Sitzauflage, auf der die Sitzpolster/-Kissen aufliegen:

Beispiel einer Sitzbespannung (hier ohne die Sitzauflage, die noch oben drauf kommt) für einen Kinderrollstuhl, Hersteller Pro Aktiv (http://www.proactiv-gmbh.de/rollstuehle_sitz_body_contour.html)

Beispiel einer Sitzbespannung (hier ohne die Sitzauflage, die noch oben drauf kommt) für einen Kinderrollstuhl, Hersteller Pro Aktiv (http://www.proactiv-gmbh.de/rollstuehle_sitz_body_contour.html)

Die Argumente dafür: Dadurch, dass die Unterlage immer etwas mitschwingt, ist das Sitzen/Fahren komfortabler, weniger belastend für die Bandscheiben, und die Wahrscheinlichkeit für Druckstellen nicht so hoch.

Jetzt hatte mein Sohn in den Jahren davor allerdings eine durch ein anderes Reha-Haus "B" gebaute Lösung unter seinem Popo: Statt der Bespannung eine Glasfaserplatte, und oben drauf noch eine maßangepasste Sitzschaumauflage:

Sitzschalenkonstruktion mit Glasfaserplatte (dunkel eingefärbt) und Sitzauflage, Hersteller 4ma3ma (http://www.4ma3ma.de/4ma3ma/images/sitzengr/Sitzen-2.jpg)

Sitzschalenkonstruktion mit Glasfaserplatte (dunkel eingefärbt) und Sitzauflage, Hersteller 4ma3ma (http://www.4ma3ma.de/4ma3ma/images/sitzengr/Sitzen-2.jpg)

Es handelt sich hierbei um eine Eigenentwicklung dieses betreffenden anderen Reha-Hauses "B"; man kann damit die Bespannung von Standard-Rollstühlen einfach ersetzen. Die Idee: Durch die festere Auflage und den angespassen Sitzschaum lässt sich die Sitzposition besser stabilisieren.

Nun ging es also darum: Was sollte mein Sohn für die nächsten Jahre bekommen.

Der Mitarbeiter des Geschäfts A, mit dem ich in dem hier beschrieben Gespräch war, hatte schnell klargestellt, dass die hauseigene Werkstatt nicht dafür ausgerüstet war, eine individuell angepasste Sitzeinheit zu bauen - auch war die entsprechende Expertise nicht im Hause. Außerdem war er der Ansicht, dass mein Sohn eine solche Konstruktion gar nicht unbedingt brauchte. Und die meisten Menschen, die einen Rollstuhl haben, auch nicht - solange sie in der Lage sind, sich selbst einigermaßen im Rollstuhl zu positionieren.

Ich legte (gefühlt) den Kopf nachdenklich schief und ließ vor meinem inneren Auge ein biomechanisches Modell entstehen. Insbesondere: Was es für die Stabilisation des Beckens bedeutet, ob eine Sitzunterlage immer leicht durchhängt (wie bei der Bespannung) oder eben nicht (wie bei der Glasfaserplatte).

An dieser Stelle kann man den Spezialfall des Rollstuhls getrost verlassen und die Frage verallgemeinern: Was ist eigentlich gutes Sitzen?

Halten wir es einfach: Ein funktionell optimales Sitzen ist dadurch gekennzeichnet, dass das Becken in Neutralstellung steht und über die Sitzknochen Kontakt mit der Sitzfläche haben, und die Wirbelsäule ihre natürliche Kurvenform hält:

(Von http://www.tfmstudio.com.au/posture/correct-sitting-posture/)

(Von http://www.tfmstudio.com.au/posture/correct-sitting-posture/)

Wie man aus dem Bild schon folgern kann: Diese Position braucht das Widerlager der Sitzfläche, um das Becken entsprechend stabilisieren zu können (und zwar auch ohne, dass man ständig daran denkt). Eventuell braucht sie sogar eine leichte Steigung nach hinten (zur Lehne hin), um diese Beckenposition bei habituell kurzer hinterer Oberschenkelmuskulatur überhaupt erst möglich zu machen.

Diese und andere habituelle Verkürzungen; also durch Lebensgewohnheiten veränderte Haltungsmuster generell, führen allerdings dazu, dass die meisten Menschen in ihrem Alltag, am Schreibtisch, beim Essen, im Auto, beim Trinken auf dem Barhocker eher so sitzen:

(Von http://www.tfmstudio.com.au/posture/sitting-posture-patterns/)

(Von http://www.tfmstudio.com.au/posture/sitting-posture-patterns/)

In diesem Falle ist das Becken nach hinten gekippt; man sitzt halb auf dem hinteren Teil der Sitzhöcker, halb auf dem Steißbein. Was letzteres gar nicht gut findet. Der Lendenwirbelbereich hat die natürliche Lordose verloren; und alles, was darüber kommt (Brustwirbelbereich, Brustkorb, Schultergürtel, Halswirbelbereich) hat die neutrale Ausrichtung ebenfalls verlassen. Irgendwann tut dann irgendwas in dieser Kette weh (also nicht unbedingt das Becken - sondern vielleicht eher der Nacken).

Man kann aus diesen Bildern jetzt auch die Wirkung einer nicht-festen Sitzfläche verstehen. Durch das Körpergewicht entsteht eine Art Mulde - in der das Becken höchstens durch große Anstrengung in der Neutralposition gehalten werden kann. Genau das passiert nicht nur auf Rollstühlen, sondern auch auf Campinghockern, Sofas, Sesseln, Essstühlen und in Autositzen.

So, und jetzt kommt der lang erwartete Knackpunkt. Mit diesem Wissen um das korrekte Sitzen - heißt das EBEN NICHT, dass alle Sitzmöbel in unserem Alltag eine feste, die optimale Sitzausrichtung fördernde Sitzauflage haben.

Sitzmöbel werden nicht für gutes Sitzen gebaut.

Denn Designer und Hersteller von Sitzmöbeln gehen nicht danach, was die Ausrichtung fördert - sondern was von den meisten Menschen gekauft wird. Und gekauft wird das, was sich bequem anfühlt und auch in allen anderen Aspekten einen kleinsten gemeinsamen Nenner darstellt. Und wenn ein Großteil der Kundschaft schon per se durch gängige Lebensgewohnheiten und generell zu viel Sitzen in einer nicht-optimalen Ausrichtung steht/sitzt/geht/läuft/springt - dann wird das Sitzmöbel-Angebot sich dementsprechend anpassen. Die Norm - liegt im Bereich der Dysfunktion.

Genau das versuchte ich, dem Reha-Haus-Mitarbeiter zu erklären (Keule Nr. 4). Worauf er die Keule Nr. 3 zückte, und auf die Erfahrung mit den eigenen Kunden verwies, die mit der standarmäßigen Bespannung gut versorgt seien. Ich traute mich nicht darauf zu verweisen, dass diese Erfahrung doch vor allem darauf basiert, dass er gar keine Erfahrung mit festen Sitzflächen haben kann, weil die hauseigene Werkstatt sie gar nicht herstellt. Kam mir zu konfrontativ vor. Stattdessen regte ich vorsichtig an, trotz dieser Erfahrungen die biomechanische Betrachtungsweise heranzuziehen (also zurück zu Keule 4.). Er verwies auf die größten Rollstuhlhersteller, die sich schon seit Langem mit diesem Thema beschäftigen und nicht umsonst die Bespannungsvariante wählen (Keule Nr. 2 - Autoritäten). Und überhaupt habe er mal eine Fortbildung bei XY gemacht, und so einfach sei das mit dem Sitzen gar nicht (nochmal Keule Nr. 2 - Guru/Koryphäe). Ich hörte ihm eine Weile nur zu - was ihn irgendwann dazu einlenken ließ, dass es ja toll ist, wenn jemand sich so damit auseinandersetzt wie ich. Ich verwies versöhnend auf die Komplexität des Themas, und darauf, dass sich in den letzten Jahrzehnten viele Forschungserkenntnisse ergeben haben, die noch gar keinen Eingang in die therapeutische und Versorgungs-Praxis gefunden haben - und dass andererseits viele Ansätze noch gar nicht erforscht sind (mäßig gelungene Anwendung von Keule Nr. 1). Davon ließ er sich wenig beeindrucken und kam wieder mit Keule Nr. 3. Am Ende einigten wir uns darauf, dass sowieso alles sehr individuell ist und es auf den Einzelfall ankommt (der gängigste Ausgang einer solchen Diskussion, wenn alle Keulen genügend oft geschwungen wurden). Anschließend verabschiedete er sich, weil er weiterarbeiten müsse.

Und mein Fazit aus der ganzen Sache?

  • Man sollte nie aufhören, besser verstehen zu wollen, was man eigentlich so macht. Man sollte die eigenen Ergebnisse nicht nur durch die Empirie an sich, sondern auch durch ein entsprechendes, gerne auch zunächst sehr einfaches, Modell zu erklären versuchen. Denn das könnte einen auch auf unerwartete neue Lösungen stoßen.
  • Wenn man sich auf jahrzehntelange Erfahrungen beruft, sollte man nicht übersehen, mit welchen Filtern und Bias man die eigenen Ergebnisse bewertet.
  • Man sollte sich gut überlegen, ob man mit potentiellen Kunden unbedingt argumentative Keulen schwingen muss - oder stattdessen nicht vielleicht einfach zuhört und versucht nachzuvollziehen. Und das als Teil der Arbeit ansieht - statt als deren Unterbrechung.
  • Normen entsprechen nicht unbedingt dem Optimum - sondern dem kleinsten gemeinsamen Nenner der Mehrheit. Das gilt nicht nur fürs Sitzen - sondern auch für Bewegungsumfänge, offizielle Ernährungsempfehlungen und Arbeitsplatzergonomie.

Wir werden aus guten Gründen bei der maßangepassten Sitzeinheit bleiben. Und dafür sehr weit fahren müssen, weil kaum ein Reha-Geschäft diese bisher anbietet. Ich hoffe, dass es für die Zukunft der Sitzmöbel weniger um Verteidigung der bisherigen Erfahrungen und dysfunktionalen Normen - sondern mehr um Lernen, Innovationen und Unterstützung besserer Ausrichtung geht.

 

 

 

 

Kill the Kühlbox: Die Auflösung einer Alltags-Bewegungs-Blockade

Jahrelang hatte ich dieses leise nagende Gefühl: dass es gut wäre, an den Wochenenden mit meinem Sohn aus der Stadt rauszufahren. Irgendwo zum Spazieren, Wandern, an einen See, in die Berge. Nicht nur so ab und zu, nicht nur bei Sonnenschein – sondern IMMER wenn er am Wochenende bei mir war.

Genauso lange redete ich mir ein, dass das schlichtweg nicht organisierbar ist. Mit einem Kind im Rollstuhl, ohne Auto - und überhaupt, wohin. Und dann Sachen zusammenpacken, Essen/Snacks/belegte Semmeln vorbereiten, Outdoor-taugliche Kleidung anschaffen und an Kind-Entertainment-Möglichkeiten denken. Die Vorstellung von vollen Straßen, überfüllten Zügen und hoch-bevölkerten Wanderwegen war auch nicht gerade anziehend.

Außerdem gab es an den Wochenenden traditionell sehr viel zu tun: Einkäufe und sonstige Erledigungen machen; ein wenig Arbeit unterbringen; Freunde und Bekannte treffen; all die kleinen und großen Events; trainieren; und mein Bedürfnis nach ausruhen und ausschlafen. Bitte nicht noch Freizeitstress oben drauf. Raus kann man schließlich auch in der Stadt.

Das nagende Gefühl aber blieb.

Aus Erfahrung weiß ich, dass bei solchen sich hartnäckig haltenden, wie auch immer vagen inneren Wahrheiten irgendwann ein bestimmter Punkt kommt: Der Moment, ab dem man die eigenen Ausreden einfach nicht mehr hören kann.

Gab es wirklich etwas, das so wichtig oder beschwerlich war, dass ich meinen Sohn nicht alle zwei Wochen einen kompletten Tag, von morgens bis abends, aus dieser Stadt und in die Bewegung an frischerer Luft bringen konnte?

Natürlich nicht. Stattdessen ging es eigentlich um etwas ganz anderes: mich von einer bestimmten Vorstellung von „am Wochendende aus der Stadt rausfahren“ zu lösen. Eine Vorstellung, die moderne Funktionskleidung, einen für alle Fälle perfekt ausgerüsteten Rucksack, qualitativ hochwertiges Outdoor-Equipment, ausgefuchste und ständig neue Touren zu malerischen Zielen, Bilderbuchwetter, perfekt vorbereiteten Proviant oder opulente Hütten-Mahlzeiten und attraktive Highlights für Kinder einschloss. Und mit dem perfekten Gipfelbild-Facebook-Post abschloss.

Die Lösung bestand darin – einfach zu fahren.

Unsere Touren - seit Ostern dieses Jahres konsequent jedes zweite Wochenende - sind denkbar unspektakulär. Wir ziehen ganz normale Sachen an, ein Mix aus Alltags- und Sportkleidung. Wir packen schnell, kurz vor der Abfahrt: ein wenig Regenbekleidung; ein paar sehr wenige Snacks und Sandwiches und auch nur, wenn ich die Lust und Kraft dafür habe; außerdem einen kleinen Schaumstoffball (für die Zugfahrt!),

eine Flasche Wasser, ein Handtuch und Bikini/Badehose. Wir fahren eine Stunde mit dem Zug, ganz primitiv immer an denselben Ort. Wir fahren immer am gleichen Tag. Zur gleichen Uhrzeit. Bei jedem Wetter.

Vor allem: fahren wir mit großer Freude, aber ohne große Erwartungen.

Die am Vorabend kurz überlegte Route passen wir bei Bedarf vor Ort an, wenn wir uns fit fühlen, oder vielleicht nicht so fit. Manchmal essen wir irgendwo Mittag – manchmal nicht. Nach dem Wandern gehen wir Schwimmen und essen vielleicht ein Eis. Manchmal haben wir zu wenig dabei. Manchmal ist es ein wenig langweilig, oder anstrengend,

oder einsam. Es kommt vor, das mein Sohn jammert und ich davon genervt bin. Manchmal würden wir morgens gerne etwas länger schlafen, oder uns beim Frühstück mehr Zeit lassen. Ab und zu bringen uns die Wetterverhältnisse ziemlich an unsere Toleranzgrenzen.

Auf unserer letzten Tour vor ein paar Tagen überholte uns auf einem einsamen Forstweg eine einheimische ältere Dame mit ihrem SUV. Zuvor hatten wir uns wegen einer Wegsperrung spontan für diese Route entschieden, die sich nach einiger Zeit als deutlich länger als erwartet herausstellte. Der Weg war mäßig steil; ich schob den Rollstuhl wie gewohnt, nur an den nächsten Schritt denkend (ok - an die nächsten 100 denkend); etwas mit der Ungewissheit über die Länge der Strecke hadernd.

Unerwartet blieb die Dame ein paar Meter vor uns stehen, öffnete die Fahrertür; fragte, wo wir hinwollten und ob sie uns ein Stück mitnehmen solle.

Ich blieb stehen, dankbar für ihre Freundlichkeit, und auch mein Sohn machte eine freudig-überraschte Bewegung.

Ich lächelte. Ich spürte den Schweißfilm auf meinem Gesicht, meine Körperhitze vom Rollstuhlbergaufschieben, die leicht klamme hautnächste Kleidungsschicht. Die Ruhe meines Sohnes. Die klare Luft. Das Plätschern bis Brausen des Baches neben uns. Den grau-bewölkten Tag. Den ganz gewöhnlichen Wald. Die ganze Unspektakulärheit des Momentes.

Ich bedankte mich aus ganzem Herzen für ihr Angebot. Sie lächelte zurück und verstand, ohne dass ich viel sagen musste. Das wegfahrende Motorengeräusch ging schnell im Brausen des Baches unter.

Einfach rausgefahren.